| "Ich bin in erster Linie Pfarrer" | ![]() |
| 28.05.2004 | |
Den Gästen, die am 13. Mai zur Lesung ins Österreichische Kulturforum gekommen waren, merkte man nicht an, ob ihnen der Name des Autors bereits ein Begriff war. Spätestens als sich Eginald Schlattner dann gebrochen, aber umso enthusiastischer auf ungarisch vorstellte, hatte er die Sympathien auf seiner Seite. Der 70jährige, der sich nach eigenen Worten immer noch nicht daran gewöhnt hat, Schriftsteller zu sein, las vor allem aus seinem ersten Roman "Der geköpfte Hahn". Als dieser vor 6 Jahren im Wiener Zsolnay-Verlag erschien, reagierte die literarische Welt mit Staunen und Begeisterung. Lag doch diesem Debütroman des bis dahin völlig unbekannten siebenbürgischen Pfarrers ein überaus reifer Erzählstil zugrunde - und ein packendes Thema. |
Gegenwart des autobiographischen Romans ist der 23. August 1944 - der Tag, an dem Rumänien die Fronten wechselte, sich mit der Sowjetunion verbündeteund dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. "Der geköpfte Hahn" beschreibt die Zerstörung der bürgerlichen Welt, gesehen aus der Perspektive eines 16jährigen Jungen. Andreas Breitenstein schrieb dazu in der Neuen Züricher Zeitung: "Schlattners Roman liest sich als Hommage an eine unerkannte europäische Landschaft, als Pubertätsstudie und Milieuschilderung. An Szenerien und Charakteren bewährt sich nicht nur eine feine Beobachtungsgabe, hier entfaltet sich jene elegische Ironie, in der das alte Siebenbürgen als verlorener, geometrischer Ort der Gleichheit am adäquatesten aufgehoben erscheint."
Eginald Schlattner, 1933 in Arad am westlichen Rand Rumäniens geboren, wuchs in Fogarasch am Fuße der Karpaten auf. Bis zu seiner Relegation studierte er evangelische Theologie in Klausenburg, anschließend Mathematik und Hydrologie. 1957 wurde er in der Universität verhaftet und im Gefängnis von Stalinstadt (Kronstadt) inhaftiert. An dieser Stelle setzt Schlattners zweiter, 2001 erschienener, ebenfalls autobiographischer Roman "Die roten Handschuhe" ein. Nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes von 1956 verschärft sich in Rumänien die Jagd auf "Konterrevolutionäre". Verhaftet wird auch ein junger Mann, der Informationen über Freunde und Kollegen, sogar über seinen eigenen Bruder liefern soll. Unter dem massiven Druck der Verhöre und körperlichen Mißhandlungen bricht er schließlich zusammen. Mit ihm als Hauptbelastungszeugen im "deutschen Schriftstellerprozeß" in Kronstadt werden fünf rumäniendeutsche Autoren zu vielen Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Zu den Opfern zählt auch der eigene Bruder, der für Jahre ins Gefängnis muß.
"Die roten Handschuhe" - Sühne für den einst begangenen Verrat? Schrieb Schlattner sich mit diesem Roman die Schuld von der Seele? Werner Söller äußerte sich dazu in der Neuen Züricher Zeitung: "Die alles entscheidende Frage, der sich Eginald Schlattner mit seinem Buch zu stellen hat, lautet: Wie ist es zu dem Verrat gekommen? War er das zwangsläufige Ergebnis von Folter und Erpressung? ... Eginald Schlattner mißbraucht seine höchst persönlich und real erlebte Hölle nicht als mildernden Umstand für den Verrat. Er stellt diesen nicht als 'fatalen Umstand' dar, vor dem es sozusagen angesichts der Umstände kein Entkommen mehr gegeben haben mag. Vielmehr zeichnet er glaubhaft nach, wie der Verrat vor dem Hintergrund der Zeit, der Familie, der persönlichen Biographie Ergebnis einer zwar nicht gewollten oder gar gewünschten, dennoch der bedingt freien Entscheidung eines unfreien Individuums war. Und er verschweigt auch nicht, daß der Verrat, für den sich der Gefängnisinsasse entschieden hat, ihn für viele Jahre nach seiner Entlassung in die Freiheit unfrei gemacht hat." Bis heute ist er bei den zumeist ausgewanderten Siebenbürger Sachsen eine umstrittene bis verhaßte Figur.
Nach seiner Entlassung zog Eginald Schlattner sich zurück und arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter. 1976 entschloß er sich, Theologie zu studieren und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche der Siebenbürger Sachsen zu werden. Heute lebt er bei Hermannstadt, arbeitet als Pfarrer in rumänischen Gefängnissen und engagiert sich für die sozialen Belange der Romafamilien in seinem Dorf.
JU
Die Budapester Lesung Eginald Schlattners wurde vom Österreichischen Kulturforum in Kooperation mit dem Haus der Ungarndeutschen organisiert. Die Veranstaltung war Teil einer Lesereise des Autors, die vom Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart (ifa) gefördert wurde.