| Das Haus auf der Grenze | ![]() |
| 21.05.2004 | |
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Die Entscheidung der Großmächte ist unabänderlich: die neue Grenze soll mitten durch das vertraute Heim der Familie verlaufen, auch wenn dadurch das bequeme Sofa im anderen Ende des Zimmers zum unerreichbaren Ausland wird, das man nur unter Gefährdung des eigenen Lebens erreicht. Diese absurde Situation verarbeitete der polnische Autor Slawomir Mrozek in einem Theaterstück, das von der Deutschen Bühne Ungarn in Seksard am 11. Mai gezeigt wurde. |
"Das Haus auf der Grenze" lebt aber nur bedingt von der Situationskomik und den Klischees, vielmehr hat es auch die Funktionsweise, durch die bewußte Übertreibung des Zumutbaren direkte Rückschlüsse auf die Realität der nahen Vergangenheit zu liefern, wobei die Grenze nicht durch das Haus, sondern durch die Familien, Lebenswege und Herzen verlief.
Inszeniert wurde das Stück in Seksard vom jungen, begabten Regisseur Florin Gabriel Ionescu, der aus Temeswar nach Ungarn kam und für die Inszenierung auch viele Utensilien des rumänischen Theaters mit in die Tolnau holte, das größere Gesten und eine direkte Spielweise pflegt. Auf die Bühne gebracht wurde das Stück mit ausschließlich jungen Schauspielern, wobei selbst die betagte Oma von einer jungen Schauspielerin dargestellt wird, übrigens recht gut, mit einer der unterhaltsamsten Szenen gleich am Beginn des Stückes. Zu sehen sind in der Inszenierung auch Gabriella Hadzsikosztova und Zoltán Berzsenyi, die sich genauso wie Intendantin Ildikó Frank als Klischeedarsteller für Japaner, Araber und Amerikaner zur Verfügung stellten, und man möge hier auch György Habentius nicht vergessen, der den Russen recht ordentlich und mit sichtlich viel Hingabe verkörpert. Doch die imaginäre Palme bei der Rollenverteilung holten sich diesmal Bálint Meran als Vater und Annamária Bucsi als Mutter sowie Judit Taskovics als Oma und József Tamási Tóth als Opa. Als edle Geste muß verstanden werden, daß in der Rolle des Sohnes jener Peter Fabian auf die Bühne kam, der voriges Jahr im Stück "Der kleine Prinz" die Titelrolle besetzte.
Als Ildikó Frank die Leitung der DBU übernahm, versprach sie, das Lachen wieder nach Seksard zu holen, und sie scheint sich an das gegebene Wort zu halten. "Das Haus auf der Grenze" in Seksard vermeidet jeden Drang zur Auswertung und strebt eindeutig hin zum Lustspiel, entlang einer klaren Linie, deren Fluß nur ganz selten unterbrochen wird, wie etwa bei den moralisch-pflichtbewußten Gedanken des Vaters, um das Unvermeidliche zu akzeptieren oder bei dem gewaltsamen Tod der Oma, die ohne Paß das Wohnzimmer durchqueren will. Die Inszenierung von Ionescu funktioniert genauso, wie es bei den gelungenen Lustspielen funktionieren sollte: Wer es nicht versteht, kann ausgelassen lachen, wer es versteht, denkt länger nach, nachdem er ausgelassen gelacht hat.
"Das Haus auf der Grenze" ist ein recht ordentliches Stück, auch wenn man sich manchmal mehr Tempo im Spiel wünschen würde, und läßt im Beobachter das Gefühl aufkommen, daß in Seksard etwas im Entstehen begriffen ist. Als Erstes sticht dabei die sichtliche Freude am Spiel ins Auge und das Streben, mit dem Zuschauer direkt in Kontakt zu kommen. Es ist kein zitternder Versuch, eine neue Definition des Minderheitentheaters zu liefern, sondern das aufrichtige Angebot, sich ohne Zwang dem Stoff und dem Zuschauer zu stellen, fern jedes Minderheitenkomplexes. Eine gute Leistung des Stückes und auch von Intendantin Frank. Man kann gespannt sein, was den Zuschauer in der kommenden Saison in Seksard erwartet.
ani