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| 21.05.2004 | |
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Über die deutsch-ungarischen Beziehungen Drei Wochen ist es her, seit der Ministerpräsident Ungarns in einem feierlichen und pompösen Akt auf dem Heldenplatz in Budapest seiner Freude über den EU-Beitritt des Landes Ausdruck verlieh und auch über die Zukunftschancen als EU-Mitglied sprach. Und etwas mehr Zeit ist vergangen, seit der deutsche Bundespräsident bei seinem letzten offiziellen Staatsbesuch im ungarischen Land diesen positiven Blick Richtung Zukunft bekräftigte. Dabei ist bei derartigem Zweckoptimismus die Frage nach der Festigkeit bilateraler Bündnisse - und deren Wichtigkeit ist umso größer, je mehr die Grenzen der Europäischen Union sich erweitern - nicht nur zu stellen, sondern auch zu erörtern. |
Daß der traditionellen Verbundenheit Deutschlands und Ungarns eine besondere Bedeutung zukommt, erklärt sich aus deren Geschichte mit ihren zahlreichen gemeinsamen Schnittstellen. Doch wie verhält sich heute das gegenseitige Interesse beider Länder zueinander? Und wie wird sich diese besondere Beziehung in Zukunft gestalten? Ist sie überhaupt Zukunftschance oder doch eher ein Auslaufmodell?
Fragen dieser Art wurden am 13. Mai in der Landesvertretung des Freistaates Thüringen in Berlin gestellt und von den Teilnehmern auf dem Podium und dem Publikum diskutiert. Eingeladen waren der Botschafter der Republik Ungarn, Sándor Peisch, die in Baja lebende ungarndeutsche Germanistin und Historikerin Elisabeth Knab, der Hungarologe Paul Kárpáti, der in Budapest lebende Publizist und Übersetzer Wilhelm Droste sowie der Historiker Krisztian Ungváry.
Sicherlich hätte man ein bewährtes Wortgeplänkel repräsentativer Zusprüche erwarten können, doch stand dem entgegen, daß der Züricher Journalist Andreas Oplatka in seiner Funktion als Moderator durch kritisches Nachfragen derlei Diskussion nicht zuließ.
Botschafter Peisch, der die Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn zu Beginn kurz aus der historischen Perspektive beleuchtete, wies mit einem Vergleich darauf hin, daß trotz der nach Europäisierung strebenden Politik Ungarn die Beziehung zu Deutschland nicht vernachlässigen werde: "Nicht nur den Damen, die wir erobern wollen, schenken wir Blumen, sondern manchmal auch den Ehefrauen." Daß dabei die Gattin Deutschland mit ihrem magyarischen Ehemann ehemals in einer fast symbiotischen Beziehung verweilte, erklärte Ungváry dem Publikum. Dennoch seien aus dieser Beziehung antideutsche und antieuropäische Strömungen hervorgegangen. Schon im 19. Jahrhundert hielten sie sich in der geistigen Mittelschicht. Und diejenigen, die heute gegen Europa sind, pflegen auch meist Ressentiments gegen Deutsche. Dabei waren diese nicht gegen das damalige Deutschland gerichtet: "Früher hatten uns die Habsburger unterdrückt, so Ungváry, "der Feind war in Wien und nicht in Berlin." Heute jedoch wünsche man sich die vertriebenen Deutschen zurück, denn ihr Assimilationswille war im Grunde wünschenswert.
Über die Lage der Ungarndeutschen informierte Elisabeth Knab. Selbst dieser Minderheit zugehörig - ihre Ahnen waren vor 250 Jahren aus Süddeutschland eingewandert -, beschrieb Knab deren Schwierigkeiten. Sie haben heute - nach dem Magyarisierungsprozeß nach dem Zweiten Weltkrieg - mit dem Verlust der Traditionen zu kämpfen. Deutsch ist oft nicht mehr Muttersprache, sondern wird als Fremdsprache erlernt. Bezüge zur Kultur der Vorfahren werden immer indirekter. Deshalb sollen die Chancen ergriffen werden, die sich über den EU-Beitritt für engere Verbindungen zum Mutterland ergeben und auch zu einer stärkeren Identität führen könnten. Knab stellte auch die Frage in den Raum, wie sich Deutschland künftig mit seinen Minderheiten im Ausland beschäftigen möchte.
Die Identität sei für die Magyaren, so Wilhelm Droste, immer nur in der Negation zu erleben. "Im Moment", meinte der Schriftsteller, sei die ungarische Identität "eine müde, verschwitzte Angelegenheit."
Kárpáti wiederum ging auf das deutsch-ungarische Verhältnis auf kultureller Ebene ein. Gerade in der Literaturbranche sei die ungarische Popularität gar nicht ohne Deutschland zu denken, und das liege nicht nur an der Buchmesse von 1999, als Ungarn Gastland war, sondern vornehmlich an der Einrichtung des Literarischen Kolloquiums Berlin, das als Nest für die Blüte ungarischer Literatur bis zum Nobelpreis gelte.
Kritische Bemerkungen, die jedoch schon längst Gemeinplätze im ungarischen Gedächtnis sind, kamen dann auch noch zur Sprache. Der von Herder einst proklamierte Untergang der ungarischen Sprache sitze tief, meinte Kárpáti. Und Ungváry schloß an, eine Werteorientierung Europas müsse von den Ungarn noch gesucht werden.
Bleibt zu hoffen, daß solcherlei "europäische Werte", so sie es denn geben kann, zur Integration der Ungarn in Europa sowie zu ihrer eigenen beitragen. Denn nur der Blick in die Zukunft kann Impulse - auch in bezug auf bilaterale Beziehungen - schaffen. Ein immer wiederkehrendes Aufzählen von historischen Gemeinsamkeiten würde dagegen wohl eher in eine Starrheit laufen.
g. f.