Jugend forscht - ungarndeutsch Drucken
14.05.2004
Petra Englender und Peter Hochstein präsentierten ihre Diplomarbeiten im HdU

Die Vortragsreihe "Junge Wissenschaft im Haus der Ungarndeutschen" ging am 5. Mai in die zweite Runde. Hatten beim letzten Mal zwei Doktorandinnen über ihre Forschungsthemen berichtet (8/2004), so waren die Referenten diesmal deutlich jünger. Petra Englender, 23 Jahre alt, machte den Anfang. Sie stellte das Thema ihrer Diplomarbeit vor, an der sie zur Zeit arbeitet: "Die Identität der vertriebenen Ungarndeutschen in der zweiten und dritten Generation."

ImageNach einer Einführung zum methodischen Vorgehen kam die Studentin aus Fünfkirchen auf ihre Untersuchungsergebnisse zu sprechen, die sie anhand der Beispiele "Sprache", "Eßgewohnheiten" und "Feste" ausführte. Was die Sprache betrifft, so fand sie heraus, daß die in Deutschland zur Welt gekommenen Kinder und Enkel der vertriebenen Ungarndeutschen keinen ungarndeutschen Dialekt mehr sprechen, ihn in seltenen Fällen aber noch kennen. Überraschend war für die Referentin, daß sich viele aber stark mit der ungarischen Sprache identifizieren - auch, wenn sie sie selbst nicht sprechen: "Ich fand es sehr spannend. Während wir hier in Ungarn vor allem die ungarndeutschen Mundarten als Muttersprache dieser Minderheit betrachten, nennen die Enkel der vertriebenen Ungarndeutschen vor allem die ungarische Sprache. Sie sind stolz, einige ungarische Wörter aufzählen zu können."
ImageDen größten Bezug zu ungarndeutschen Traditionen fand Petra Englender bei den Eßgewohnheiten. Die Befragten der zweiten und dritten Generation kannten zum Teil die ungarndeutschen Gerichte, einige kochen diese sogar selber noch. Doch auch hier mußte die Referentin realisieren, daß viele der untersuchten Personen eher an typisch ungarischem Essen festhalten: So wurden oft Paprika, Pörkölt oder Pálinka erwähnt.
Beim Thema "Feste" bietet sich ein ähnliches Bild: So existieren noch Tanzgruppen mit jungen Mitgliedern, die auch ungarndeutsche Tänze einstudieren. Oft wird jedoch das ungarndeutsche Repertoire zwar bei Schwabenbällen aufgeführt, aber, so ein Zitat eines Befragten, was den Teilnehmern "dann so richtig Spaß macht, daß sind eher diese flotteren ungarischen Tänze".
Insgesamt, so resümierte die junge Wissenschaftlerin, sei ein "eher ungarisch geprägter ungarndeutscher Identitätsbaustein" bei den untersuchten Personen festzustellen. Einen der möglichen Gründe dafür formulierte Petra Englender abschließend als Frage: "Ist das ein Zeichen dafür, daß Identität sich in Identifikation und Abgrenzung bemerken läßt und die Abgrenzung zur bundesdeutschen Identität leichter durch verstärkt ungarische Motive erfolgen kann?"

 

"Die Schwaben finden sogar auf dem nackten Eis eine Existenz"
Mit diesem Sprichwort leitete der zweite Referent, Peter Hochstein (22), seinen Vortrag ein. Der ELTE-Student untersucht in seiner Diplomarbeit die Rolle der schwäbischen Kleinbauern in Schorokschar unter anderem im Milch- und Eishandel zwischen 1880 und 1945. Seinen Vortrag widmete er jedoch ausschließlich den Eishändlern, genannt Eisbauern. Durch die direkte Lage an der Donau, die im Winter als Eisquelle diente, und aufgrund der Nähe der Hauptstadt war der Eishandel ein einträgliches Geschäft für die Schorokscharer Kleinbauern. In den Budapester Miethäusern gab es nur eine Möglichkeit der Kühlung von Waren: den Eisschrank. Diese Eisschränke mußten regelmäßig mit Eis aufgefüllt werden. Wer in das Eisgeschäft einsteigen wollte, mußte jedoch erst einmal kräftig investieren. Der Eisbauer brauchte eine Eisgrube, in der das gehackte Eis das Jahr über gelagert werden konnte. Er benötigte auch einen speziell ausgestatteten Pferdewagen, um seine Fracht in die Stadt transportieren zu können. Peter Hochstein verdeutlichte anhand von Fotos, welch vielfältiges Werkzeug nötig war, um Eis abzubauen. War die nötige Ausstattung einmal vorhanden, so erwartete den Eisbauern ein hartes Doppelleben: Meist schon um drei Uhr morgens wurde das Eis aufgeladen und in die Stadt gebracht. Kam der Eishändler dann gegen Mittag nach Hause, so hatte er noch den ganz normalen Arbeitsalltag eines Bauern im Stall und auf dem Acker zu bewältigen. Insgesamt, so Hochstein, gab es in Schorokschar rund 90 Eisbauern. Im Winter waren etwa 1500 Tagelöhner und Arbeiter mit dem Abbau des Eises beschäftigt. J. U.

Wer sich für die Vortragsreihe "Junge Wissenschaft im HdU" interessiert und selbst als Referent/in daran teilnehmen möchte, wende sich für weitere Informationen bitte an Julia Ucsnay, HdU, Budapest 1062, Lendvay utca 22, Tel.: 2691081 oder JuliaUcsnay@gmx.de

Wer sich für die Vortragsreihe "Junge Wissenschaft im HdU" interessiert und selbst als Referent/in daran teilnehmen möchte, wende sich für weitere Informationen bitte an Julia Ucsnay, HdU, Budapest 1062, Lendvay utca 22, Tel.: 2691081 oder JuliaUcsnay@gmx.de