| Elf Jahrgänge trafen sich in Ketsching | ![]() |
| 07.05.2004 | |
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Man wird unbedingt wieder zusammenkommen Seit über 30 Jahren gibt es in unserem Dorf keinen Schulunterricht mehr. So meinte die Leiterin unseres Dorfhauses, Frau Anna Ritzl, es wäre doch gut, elf Jahrgänge, welche in den ersten Nachkriegsjahren das Licht der Welt erblickten und in unserem Dorf ihre Schulzeit verbrachten, zu einem gemeinsamen Treffen einzuladen. Es war eine enorme und schwierige Aufgabe, den Wohnort der innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen lebenden ehemaligen Schulkameraden und Lehrer ausfindig zu machen. Die Arbeitsbedingungen, die Entwicklung, die Veränderungen im Leben sind ja Grund genug, daß immer mehr junge Menschen den Ort ihrer Kinderzeit verlassen. Es sollte ein Treffen der Erinnerungen und des gegenseitigen Austausches sein, des Heraufbeschwörens schöner und weniger schöner Lebensmomente. |
Der Einladung zufolge sollte das Treffen Samstag, den 3. April, Nachmittag um 16 Uhr beginnen. Die ersten Gäste kamen aber schon über eine Stunde früher. Es gab welche, die keine Verwandten mehr im Dorf haben. Ihr erster Weg führte sie zum Friedhof, man könnte sagen: Rückkehr zu den Dagebliebenen. Jene, welche gut vor der festgelegten Zeit in das Dorfhaus eilten, ahnten nicht, daß außer den Gastgebern auch die Mitarbeiter der Fünfkirchner Fernsehsendung von "Unser Bildschirm" ihre Ankunft verewigen würden. Ergreifend war es, daß so manche ehemalige Schulfreunde sich auf den ersten Blick nicht mehr erkannten.Als Kinder hatten sie sich versprochen, daß sie sich öfters treffen werden. In ihrer Erinnerung lebte das ehemalige Jugendbild weiter, und nun standen viele einander mit ergrautem Haar, sprachlos gegenüber.
Nach der ersten, stürmischen Begrüßung gingen die geladenen Gäste, 120 an der Zahl, plaudernd in den großen Saal unseres Dorfhauses. Am festlich gedeckten Tisch war für jeden ein Platz bereitet. Doch nicht nur die geladenen Gäste, sondern sehr viele Bewohner unseres Dorfes wollten dem Treffen beiwohnen. Die Kinder- und Jugendtanzgruppen sowie die Mitglieder unseres Singkreises hatten Tracht angelegt, um die Ehrengäste zu begrüßen.
Um 16 Uhr bat die Leiterin unseres Dorfhauses die beiden Tanzgruppen auf die Bühne. Und das, was die Geladenen als Kinder öfters getanzt hatten, das sahen sie jetzt auf der Bühne. Nach dem lustigen Auftakt begrüßte Anna Ritzl im Namen der Selbstverwaltung und im Namen aller Dorfbewohner die geehrten Gäste. Es sei schon sehr bedeutend, hob die Rednerin hervor, daß sich nach so langer Zeit so viele ehemalige Schulfreunde wiedersehen. Menschen, welche vom Schicksal bestimmt ihr Leben fern der Heimat verbringen, können die Veränderungen des Geburtsortes besser beurteilen wie die hier verbliebenen. In den Erinnerungen der schon lange in der Ferne lebenden Menschen befindet sich die ehemalige Schule vielleicht noch am Ufer des Csele-Baches, die grünen Wiesen jenseits des Ufers, wo sie in den Pausen spielten. Dieser Nachmittag und Abend solle den gemeinsamen Erinnerungen geweiht werden. Mit einer Schweigeminute gedachten sie jener Klassenkameraden und Lehrer, die sich hier nicht mehr treffen konnten.
Nachher wurde Barbara Bischof-Müller - sie ist Rentnerin und betätigt sich beim Mohatscher Deutschen Verein -, die als junge Lehrerin nach Ketsching kam, gebeten, sich mit einigen Worten an jene Zeit zu erinnern. Sie schilderte humorvoll, daß der erste Tag, an welchen sie als junge Lehrerin nach Ketsching kam, total verregnet war. Ketsching hatte seinerzeit keine Verbindungsstraße, einen Gehsteig gab es auch nicht vor jedem Haus. Die Menschen gingen in Gummischuhen und Gummistiefeln. So etwas hatte sie natürlich nicht, folglich konnte sie auch nicht ins Freie. Die Einwohner des Dorfes redeten zum Großteil deutsch, besser gesagt eine deutsche Mundart - und damals auch noch die Kinder auf dem Weg zur Schule und auf dem Heimweg.
Ihr folgte der ehemalige Schuldirektor Gábor Hantos auf die Bühne. Auch er begann in Ketsching seine Tätigkeit als Lehrer. Seine Diplomarbeit schrieb er über Leben und Bräuche der Menschen dieses Dorfes. Die Zahl der Schüler pro Klasse lag seinerzeit zwischen 10 - 15. Also etwas über l00 Kinder. Gegenwärtig besuchen 38 Schulkinder aus Ketsching die Grundschule in Schomberg. Der Redner erinnerte die hier Versammelten daran, daß sie als Kinder nicht nur ihre Schulaufgabe verrichteten, sondern im Hotter ein Gartenhäuschen bauten, Gemüse pflanzten und verkauften. Von dem Ertrag ihres gemeinsamen Ackers fütterten die Kinder Schweine und lieferten sie ab. So lernten sie schon als Schulkinder, was Arbeit heißt, und daß einem nichts in den Schoß gelegt. Von dem Geld aus ihrem gemeinsamen Wirtschaften konnten sie ihre Schulausflüge finanzieren. Mit etwas Wehmut erinnerte der Lehrer i. R. die Versammelten daran, daß viele nach ihrem Weiterlernen, nach ihrem Studium ihr Heimatdorf verließen. "Doch können wir mit erhobenem Haupt feststellen, daß heute hier auch Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, ja sogar Diplomaten als ehemalige Schüler der Ketschinger Schule gemeinsam ihrer Kinderzeit gedenken.
Von den 120 Teilnehmern des Treffens wohnt die Mehrheit nicht im Dorf. Es entstanden Gruppengespräche, wo vorwiegend die Fortgezogenen ihren Lebensweg, ihr Schicksal erzählten. Sie verschwiegen nicht, wie schwer sie in der Fremde ihr Heimweh überwinden konnten. Ja, fern der Heimat fühlt man öfters, was das Wort Fremdling bedeutet.
Auch jene Klassenkameraden, welche im Heimatdorf blieben, hatten nicht immer ein leichtes Leben. Gemeinsam mit den bejahrten Dorfbewohnern versuchten sie, mit zielbewußter, schwerer Arbeit den Ansprüchen der Gegenwart Genüge zu leisten. Das schöne, neue Dorfhaus ist ja auch ein Ergebnis ihrer Tätigkeit. Auch versuchten sie, die in Vergessenheit geratenen schönen Dorfbräuche neu zu beleben und für die Zukunft zu bewahren. Daß unser Bürgermeister sowie die Leiterin unseres Dorfhauses im Amt mit den bejahrten Menschen in der Ketschinger Mundart reden, wissen diese sehr zu schätzen.
Es war ein zu Herzen gehender Moment, als der Singkreis die Lieder "Heimat o Heimat, Heimat wie bist du so schön" sowie "Es war mein Elternhaus" anstimmte. Viele Augen füllten sich mit Tränen. Nach den Auftritt des Singkreises folgte das Abendessen, nachher Tanz und Unterhaltung. Es schien, als hätte sich in unserem Dorfhaus eine große Familie wiedergefunden. Diese Begegnung stärkte in den Fortgezogenen sowie in den Hiergebliebenen aufs neue die Liebe zum Heimatdorf. Beim Abschied einigten sich die Versammelten, daß in Zukunft öfters so ähnliche Begegnungen stattfinden werden.
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Wenn sich in einem Kleindorf elf Jahrgänge, 120 ehemalige Schüler treffen, kann das fast als ein Generationstreffen bewertet werden. Über die Hälfte dieser ehemaligen Klassenkameraden wohnt nicht mehr im Heimatdorf. Sie leben in vielen Ortschaften unseres Landes sowie in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und auch außerhalb Europas.
Einige Tage nach ihrer Abfahrt klingelte öfters das Telefon im Dorfhaus. Viele bedankten sich nochmal für das Treffen und bekräftigten, in einigen Jahren unbedingt wieder zu einer ähnlichen Begegnung zusammenkommen zu wollen.
Franz Sziebert