Brücken der Freundschaft Drucken
08.04.2005
ImageWer im baden-württembergischen Hirrlingen das Rathaus besucht, findet davor eine Mamortafel mit der Inschrift "Brücke der Freundschaft". Darunter sind die Namen der Partnerstädte Hajosch/Hajós und Hirrlingen verewigt: die Gemeinde knüpfte im Jahre 1982 als erste im ganzen Bundesland freundschaftliche Bande zu Ungarn.


Mittlerweile sind Denkmäler wie die Mamorplatte dort jedoch keine Seltenheit mehr: als deutsches Partnerland von Ungarn werden heute etwa zwei Drittel der gesamten deutsch-ungarischen Gemeindepartnerschaften von baden-württembergischen Städten gepflegt, im Jahre 2001 waren dabei insgesamt 101 Gemeinden beteiligt. Für Dr. Hans-Werner Retterath, Stellvertretender Leiter des Johannes-Künzig-Instituts für ostdeutsche Volkskunde in Freiburg, war das ein Grund, die Chancen und Probleme solcher Partnerschaften in Form eines Forschungsprojektes einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.Bei seinen Untersuchungen interessierte ihn vor allem, ob und inwieweit die Partnerschaften in den Alltag der beteiligten Bürger reichen und ihr Denken und Handeln beeinflussen können. Dazu ermittelte er zunächst mit Hilfe ungarndeutscher Zeitschriften und anderer Publikationen (Neue Zeitung, Unsere Post, Deutscher Kalender, Heimatkalender) sowie durch Interviews mit den Bürgermeistern zweier kleiner Kommunen die Basisinformationen zur Entstehungsgeschichte und zu den tragenden Personen und Institutionen verschiedener Städteverbunde. In einer Fragebogenaktion erkundigte er sich anschließend bei Vertretern aus über 100 baden-württembergischen Partnergemeinden zu Daten und Meinungen über die jeweilige Partnerschaft. Auch der symbolische Ausdruck der Städtefreundschaften, z. B. in Form von Baumpflanzaktionen und Denkmälern, war für Retterath ein wichtiger Untersuchungsgegenstand.

Die Ergebnisse seiner Forschungen liefern nun interessante Aspekte zu den deutsch-ungarischen Initiativen: Fast alle Kontakte wurden mit oder nach der politischen Wende hergestellt, vor 1989 gab es nur selten Partnerschaften. Ihre Entstehung beruhte dabei auf mehreren Faktoren. Vielerorts wurden sie von deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen aus Ungarn angeregt. Schon seit Jahrzehnten bestehen Patenschaften baden-württembergischer Gemeinden mit den Vertriebenen aus einem bestimmten ungarischen Ort, was sich in entsprechenden Engagements wie z. B. Heimatmuseen, Straßen- und Platznamen ausdrückt. Ab 1989 wurden diese Patenschaften dann in zahlreichen Fällen durch Partnerschaften ergänzt. Beispiele hierfür sind die Städtefreundschaften zwischen Schomberg/Somberek und Langenau oder Willand/Villány und Eislingen. Weitere Entstehungsgründe sind wirtschaftliche und geographische Gemeinsamkeiten, geschäftliche Kontakte, der Besuch von Gemeindevertretern oder gehen auf ungarndeutsche Familienforscher zurück.
Die meisten Partnerschaften werden einmal jährlich durch einen wechselseitigen Besuch zu größeren lokalen Festen oder einen Jugendaustausch gepflegt. Viele Aktivitäten laufen über Schulen und Sport- und Musikvereine ab, Kirchen sind dagegen eher selten vertreten.  Das Gelingen hängt viel vom Engagement des jeweiligen Bürgermeisters ab: So konnte Retterath in seinen Untersuchungen feststellen, daß es durch Bürgermeisterwechsel nicht selten zu einem Rückgang der Intensität der Partnerschaft kam. Dabei gibt es viele positive Seiten solcher Initiativen, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte.

Eine der wichtigsten Auswirkungen sind dabei laut Retterath neben der Förderung des wechselseitigen Verständnisses der Beteiligten die über Ungarn vermittelten Basisinformationen, für die einige Kommunen eigens Informationsbroschüren mit Reiseführercharakter drucken ließen. Nicht zuletzt können sie gerade nach dem EU-Beitritt Ungarns eine wichtige Chance sein, um ein "Europa der Bürger" aktiv in die Tat umzusetzen.
Mei

 

Jubiläumswein an 15 Jahre Partnerschaft Eislingen - Willand