Erste Bürstenbindermeisterin Ungarns Drucken
01.04.2005
Die Pesthidegkuter waren im Ofner Bergland als "Simpelmocher" bekannt, da sich viele Familien vom Flechten der flachen Brotkörbe (Simperln) ernährten. Wegen des jodarmen Wassers trugen sie auch den Spitznamen die "Kropfeten" - viele Hidegkuter litten nämlich unter der Basadowschen Krankheit.Eine der bekanntesten Personen Hidegkuts, die nicht aus der Sippe der Simpelmacher stammte und von Basadow verschont blieb, war die Bürstenmachermeisterin Elisabeth Kellner, die am 13. November 1904 in Hidegkut geboren wurde. Nach der Volksschule erlernte sie in Budapest das Handwerk der Bürstenbinderei und machte sich 1930, im Geburtsjahr ihres Sohnes, selbständig. Sie war die erste Frau in Ungarn, die in diesem Beruf zum Meistertitel kam. Damals selbst für die Parlamentsabgeordneten ein Novum, so daß ihr beim Überreichen des Meisterbriefes besondere Ehrung zuteil wurde, wie sie sich an ihrem 100.

Geburtstag erinnerte. Die junge Mutter beschäftigte bis zu 8 Frauen des Heimatdorfes in ihrem kleinen Betrieb in der Graf-Klebelsberg-Hauptstraße 244 und war bei ihren Mitarbeiterinnen sehr beliebt. Die Bürstenhölzer bezog die Lisibasel von der Firma Löwenstein, die in Budapest in der Lázár út 6 ein Geschäft für Haushaltzubehör hatte, und von der Firma Seemayer. Die Kundschaft wurde zu Fuß im ganzen Ofner Bergland besucht, wobei die beiden Binkerln, mit Bürsten gefüllt, auf dem Rücken und der Brust fast 70 kg wogen. Sie mußten gut austariert werden, damit die Belastung auf den langen Verkaufswegen nicht einseitig wurde und die Balance verloren ging. Die Nachfrage nach Kleider-, Schuh-, Haar-, Wasch-, Reib-, Einschmier- und Wurzelbürsten war groß, besonders auch nach dem "Wesswoll", der Weißelbürste, weil es jährlich Brauch bei den Schwaben war, ihre Häuser besonders vor Kirchweih mit Kalk zu weißeln. Besonderen Umsatz brachten auch die Assentierungen, das ein jeder Rekrut eine Kleider-, Schuh-, Haar- und Waschbürste beim Einrücken mitnehmen mußte.
Als alleinstehende Mutter schleppte Frau Kellner nicht nur die schweren Binkerln von Dorf zu Dorf, sondern trug noch ihr Kind auf den Binkerln mit. Der Heimweg war nicht so beschwerlich, da die eingesammelten Roßhaare und Schweineborsten nicht so schwer wie die Bürsten wogen. Die Haare und Borsten wurden unter Anleitung und Aufsicht der Lisibasl von ihren Helferinnen gekocht, gereinigt, ausgekämmt und zugeschnitten, in die Bürstenplatte eingeflochten und der Bürstendeckel aufgenagelt. Das Geschäft lief sehr gut, und Frau Kellner konnte die Kretz Nani zum Austragen und Verkaufen zusätzlich einstellen und ihrem Sohn bereits im Alter von 12 Jahren das Einkaufen der Rohware übertragen.

Fast 20 Jahre versorgte sie ihre Landsleute westlich von Budapest mit handgefertigten Bürsten, und nach der Vertreibung 1946 die Region um Mosbach, wo ihre zuverlässigen Produkte gleichfalls rege Nachfrage fanden. Intensives Arbeiten, unzählige Kilometer zu Fuß und ab und zu ein Gläschen Wein hielten sie bei bester Gesundheit. Bis ins hohe Alter von 96 Jahren konnte sie sich noch selbst versorgen. Erst ein doppelter Oberschenkelhalsbruch zwang sie in den Rollstuhl und in das Seniorenheim Heliane in Aglasterhausen, wo sie ihren wohlverdienten Lebensabend verbringt.

Hier konnte sie am 13. November den 100. Geburtstag feiern. Besonders oft erwähnt sie die Zeit in Hidegkut, als vor ihrem Haus das Schild "Kefekötô Mesterné Kellner Erzsébet" auf eine bereits damals emanzipierte Frau mit handwerklichem Können, Fleiß und Ausdauer wies, die ihr Leben beispielhaft meisterte. - Die Vorstandschaft des Heimatvereins Pesthidegkut gratulierte der ältesten Hidegkuterin herzlich mit einem Blumenstrauß und wünschte der Jubilarin alles Gute und Gottes Segen für die kommenden Jahre.

Hans Kröninger
(aus: Donauschwaben-Zeitung - Februar 2005)