Ungarndeutsche Diplomarbeiten im Fokus
Rita Schreck: Namengebungstraditionen in Ziko und Ofala
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23. Dezember 2011
Rita Schreck (Foto) stammt aus einer ungarndeutschen Familie in Bonnhard/Bonyhád und hat den Dialekt schon als kleines Mädchen kennengelernt und erworben. An der Fünfkirchener Universität studierte sie an der Fakultät für Erwachsenenbildung und Personalentwicklung Bildungsorganisation und an der Philosophischen Fakultät Deutsch als Minderheitensprache. Seit ihrem Abschluß arbeitet sie beim Landesbund der Kulturzentren, dessen Sitz in Fünfkirchen ist, als Koordinatorin. Ihre Diplomarbeit schrieb sie bei Dr. Katharina Wild über die Namengebungstraditionen in Ziko/Cikó und Ofala/Ófalu.


Rita Schreck

NZ: Welche Motivation hattest du bei der Wahl des Themas deiner Diplomarbeit?

RSch: Ich wollte unbedingt ein ungarndeutsches Thema wählen, da ich mich einerseits zur deutschen Nationalität bekenne und andererseits Deutsch als Minderheitensprache studierte. Das Thema der Namengebung bei den Ungarndeutschen hat mein Interesse geweckt, als ich im Rahmen eines Kurses meinen Familienstammbaum zusammengestellt habe. Der Stammbaum bot sich als ein Zugang zu der Analyse der ungarndeutschen Namengebungstraditionen an. Bei der Wahl des Diplomarbeitsthemas war auch die Auffassung von Claus-Jürgen Hutterer, daß die ungarndeutsche Namenforschung quasi noch in Kinderschuhen steckt und vieles nachzuholen ist, zentral.

NZ: Wie hast du dich dem Thema angenähert?

RSch: Die Arbeit beschäftigt sich mit der Namengebungstradition von Ziko und Ofala. Ziel der Arbeit war die Beschreibung der Namengebungstraditionen, die Erschließung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Namengebung zwischen den zwei Siedlungen. Auch die Veränderung des Namengutes wird in der Arbeit detailliert beschrieben. Die Namengebungstradition wird anhand der Taufregister der Dörfer und mündlicher Quellen dargestellt. Im Rahmen der Forschung habe ich die Zeitspanne von 1880 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges untersucht. Außer den schriftlichen Daten wurden die mündlichen Mitteilungen der Dorfbewohner ebenfalls als Quelle herangezogen. Die Forschungsarbeiten in beiden Dörfern hat Pfarrer Josef Erb unterstützt und ermöglicht.

NZ: Zu welchen Erkenntnissen kamst du im Laufe deiner Forschungsarbeit?

RSch: Ich habe versucht zu untersuchen, ob die Traditionen der Namengebung durch den Einfluß mehrerer Faktoren in den zwei Dörfern ähnlich oder unterschiedlich waren. Neben der freien (auf der freien Entscheidung der Eltern beruhenden) und gebundenen (von verschiedenen extraonomastischen Faktoren, z. B. von den Sitten abhängenden) Namengebung wird nämlich die Namengebung einer Menschengruppe auch von äußeren Faktoren beeinflußt, zum Beispiel von der politischen Lage des Landes, von den sozialen Umständen oder von der religiösen Zugehörigkeit. Aus den Jahren 1880 bis 1945 habe ich insgesamt 5208 Einträge bearbeitet und ausgewertet, 3602 in Ziko und 1606 in Ofala. Die Zusammenstellung der Untersuchungskriterien erfolgte in Anlehnung an Bernadett Gebhardt (Nadasch/Mecseknádasd). Aus den Ergebnissen der ersten Periode (1880 - 1918) war festzustellen, daß in beiden Dörfern die Benennung nach den Pateneltern bevorzugt wurde. In den zwei untersuchten Siedlungen erhielten je 40 Prozent der Neugeborenen den Namen der Pateneltern. Die Benennung nach den Eltern war ziemlich gering. Das Patennamensystem wurde auch in der zweiten Periode (1919 - 1945) praktiziert: in Ziko wurden 47 Prozent und in Ofala annähernd 40 Prozent der Untersuchten auf den Namen der Pateneltern getauft. Die Untersuchung erbrachte zudem das Ergebnis, daß in Ziko 71 Prozent und in Ofala 67 Prozent der Kinder nach der gebundenen Namengebung benannt wurden. Daraus kann man das Fazit ziehen, daß in diesem Zeitabschnitt das Namengebungssystem bei den katholischen Ungarndeutschen fast gleich sein konnte.

NZ: Hast du neben den Prinzipien der Namengebung auch die Namen selbst untersucht?

RSch: Ja, ich habe in meiner Arbeit auch die Veränderung des Nameninventars erforscht. Aus den Ergebnissen der Untersuchung der Männernamen in den beiden Dörfern war festzustellen, daß das Namengut der Dörfer ziemlich stabil war. In Ziko begann die Erweiterung des Namengutes einerseits im dritten untersuchten Jahrzehnt (1900 - 1909), andererseits nach dem Zweiten Weltkrieg, als die meisten Ungarndeutschen des Dorfes verschleppt und vertrieben wurden und die Szekler aus Hadikfalva im Dorf angesiedelt wurden. Die Namen wurden zu dieser Zeit aus dem Nameninventar der ungarischen Dorfbewohner übernommen. In Ofala ist die Erweiterung des Namengutes nur in geringerem Maße zu beobachten. Da die Siedlung von der Verschleppung und Vertreibung verschont wurde, sind keine Szekler oder andere Minderheitengruppen in das Dorf eingesiedelt worden. Aus diesem Grund hat sich das Namengut von Ofala in geringerem Maße verändert als das in Ziko. Anhand der Untersuchungsergebnisse der Frauennamen kann man auch zu dem Schluß kommen, daß das Namengut in Ofala während der untersuchten Zeitperiode relativ stabil gewesen ist. Dies ist einerseits der engen Bindung an die Dorfgemeinschaft zu verdanken und andererseits, daß in Ofala keine Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen stattgefunden hat. In Ziko war der Einfluß der Szekler auf die Namengebung bedeutsam. Nach der Untersuchung ist nachvollziehbar, daß sich das Nameninventar meistens um Namen ungarischer Herkunft erweiterte.

NZ: Deine Arbeit zeigt großes Interesse für das Thema. Hast du eventuell noch weitere Pläne in bezug auf deine Forschungen?

RSch: Es hat sich erwiesen, daß die Namengebungstradition der Ungarndeutschen einen äußerst relevanten Gegenstand der Forschungen bezüglich des Ungarndeutschtums darstellt. Die Arbeit und die Forschungsergebnisse haben mich dazu angeregt, weitere Analysen durchzuführen und die Traditionen der Namengebung in weiteren ungarndeutschen Gemeinden zu untersuchen sowie einen Vergleich zwischen weit voneinander liegenden Dörfern und deren Traditionen zu ziehen. Im weiteren möchte ich dahin wirken, daß an den Gymnasien innerhalb der Minderheitenkunde auch namenkundliche Themen behandelt werden.
Mónika Óbert


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