Ein Mediävist im Dienste des deutschsprachigen Schrifttums in Ungarn
Interview mit Prof. Dr. András Vizkelety
Drucken
14. Mai 2010
András Vizkelety (Foto) bearbeitet die sprachlichen Denkmäler des mittelalterlichen deutschen Schrifttums in Ungarn. Vizkelety ist Széchenyi-Preisträger, Literaturhistoriker, Philologe, Mittelalterforscher, emeritierter Professor der Philologisch-philosophischen Fakultät der Pázmány Péter Katholischen Universität, Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Zu seiner Forschung, seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und seiner Verbindung zu Bogdan/Dunabogdány befragte ihn NZ.


Herr Professor, wieso sind die Ungarndeutschen zum Forschungsgegenstand Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn geworden?

Als ich nach dem Studium an der Universität 1957 in die Theresien-Abteilung (Teréziatár) der Széchényi-Nationalbibliothek gekommen bin und sich niemand mit den mittelalterlichen Kodexen beschäftigte, wählte ich das deutschsprachige Schrifttum in Ungarn als Forschungsgegenstand. Wir hatten zwar Kenntnis von einigen Stücken, jedoch kam es nicht zur Systematisierung und Einsicht dieses Bestandes an ungefär 100 Kodexen. In unterschiedlichen staatlichen und kirchlichen Bibliotheken Ungarns gibt es ungefähr noch einmal so viele Fundstücke. Diese zu erforschen hatte sich niemand vorgenommen. Damals habe ich begonnen, mich hiermit zu beschäftigen: was wir haben, welche Texte international bekannt sind, ob diese Texte Varianten sind oder Originale, selbständige Texte. Damals begann auch in der Bundesrepublik Deutschland eine Kampagne zur Kodexaufarbeitung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft betreut wurde. So habe ich eine Einladung zu zweimal dreimonatlichem Forschungsaufenthalt bekommen. Damals mußten unzählig viele Genehmigungen von zahlreichen Instanzen eingeholt werden, um die Einladung in die BRD annehmen zu können. Letztlich hat sich herausgestellt, dies war ja ein Thema, das nicht in den damaligen Forschungstrend paßte, diese Wissenschaftler sind ja wie im Reservatum die europäischen Wesen, einige braucht man, jedoch sollen sie nicht zu viele sein! Also ich durfte die Einladung annehmen! Die Ernte dieser Forschungsarbeit ist dann zur gleichen Zeit in Ungarn beim Akademie-Verlag und in der Bundesrepublik beim Wiesbadener Harrassowitz Verlag erschienen. Die in Ungarn verbliebenen Funde des deutschsprachigen Schrifttums im Mittelalter sind damals zum europäischen Erbe hinzugefügt worden. Demzufolge sind in den jüngeren literaturhistorischen Arbeiten die Funde der Texte aufgeführt, mehrere Texte haben eigene Interpretations- und Textausgaben erlebt. Dies war der Anfang – und bis heute beschäftige ich mich mit diesem Forschungsgegenstand, doch jetzt schon erweitert auf deutsche, lateinische und ungarische Texte. Was mich interessiert, ist die mittelalterliche Mehrsprachigkeit Ungarns.

Würden Sie einem jungen Wissenschaftler empfehlen, das deutschsprachige mittelalterliche Schrifttum als Forschungsgegenstand zu wählen, oder gibt es in diesem Thema schon fast nichts Neues mehr zu erforschen?

Wir wissen jetzt nur, was vorliegt. Zahlreiche detaillierte Untersuchungen können unternommen werden. Beispielsweise wie die Beziehung der in Ungarn gefundenen Texte zu den in Deutschland gefundenen ist, welche Abweichungen es gibt und wieso? Es gibt also sehr viele Möglichkeiten, diese Forschung weiterzuführen.

Welcher Forschungsgegenstand beschäftigt Sie zur Zeit?

Jahrelang habe ich mich mit einer lateinischen Chronik befaßt, wie schon erwähnt interessiert mich die Mehrsprachigkeit. Es handelt sich um eine Prosachronik in Latein, die Übersetzung einer deutschsprachigen Gedichtchronik. Dies ist eine ganz ungewöhnliche Übernahmerichtung, in der Regel wurde aus dem Lateinischen in die Volkssprache übersetzt. Hier ist die Richtung anders, dies ist der Reziprokbetrag sozusagen.

Inwieweit muß man in diesen Forschungen vielseitig oder interdisziplinär sein? Der Literaturwissenschaftler soll ja gleichzeitig auch als Historiker vorgehen.

Im Mittelalter trennten sich die einzelnen Wissenschaftszweige noch nicht in dem Maße voneinander. Ein Mediävist muß die Gesamtheit dieser ungetrennten Wissenschaftszweige erfassen und zusammenführen.

Weshalb ist Bogdan in Ihre Forschungen einbezogen worden?

Bogdan ist ganz zufällig in meinen Blickwinkel geraten: Ungefähr vor 25 Jahren haben wir ein schönes schwäbisches, aus Lehmziegeln gebautes Bauernhaus gekauft, seitdem verbringen wir jeden Sommer dort. In dem Dorf gibt es eine sehr rege ortsgeschichtliche Aktivität, Vorträge werden organisiert, es gibt eine der Pfarrei angeschlossene ortsgeschichtliche Sammlung. In Bogdan steht, glaube ich, das schönste Vertriebenendenkmal des Landes. Die ältere Generation gebraucht noch auf der Straße die deutsche Sprache. Leider werden es immer weniger, die diese ortsspezifische Mundart sprechen, und dies ist nicht zurückzubringen. Sie haben Partnerschaften, Kontakte zu Deutschland. Sehr rege ist das musikalische Leben: Bogdan hat eine der besuchtesten und begehrtesten Musikschulen des Donauknies. Chor und Blasorchester sind sehr gut. Wenn ich z. B. gegen Abend mit dem Autobus dort ankomme, sehe ich, wie Jungs und Mädchen mit ihren Instrumenten bepackt in den Bus einsteigen und in die umliegenden Ortschaften nach Hause fahren.

Professor Vizkelety, Sie haben nun die Assimilation angesprochen. Welche Rolle spielt das Schrifttum in solchen Prozessen?

In der Kirche gibt es jede zweite Woche eine deutsche heilige Messe. Der Text der Liturgie und die typischen Bogdaner deutschen Gesangsbücher, von denen man nicht weiß, woher sie stammen, werden ausgelegt. Die ganze Gemeinde singt aus diesen Liederbüchern. Der deutsche Liedtext wird mit ungarischer Kirchenliedmelodie gesungen, aber es gibt auch eigene Melodien. Auch in Bogdan, wie in Wudersch, ist die Fronleichnamsprozession ein ganz besonderes Fest, wo das ganze Dorf mitfeiert. Hier wird auch ein Blumenteppich angefertigt, vier Zeltaltäre werden eingerichtet, bei diesen wird ungarisch und deutsch gesungen.

Angela Korb

Aus dem Inhalt

Lehrbuch für Nationalitätenkunde präsentiert

Seit 2001 ist Minderheiten- und Volkskunde ein selbständiges Fach in den Nationalitätenschulen von Ungarn. Doch ab der 7. Klasse in den deutschen Schulen gibt es immer noch keine Lehrbücher und Lehrwerke. Um daran zu ändern, haben ungarndeutsche Schulen sich um europäische Fördermittel beworben. Vergangene Woche wurde das Manuskript eines Lehr- und Übungsbuchs für die 7. Grundschulklasse in Schaumar, Herend und Fünfkirchen vorgestellt.
Seite 1-2

Röstigraben

Die Schweizer können problemlos einen Apfel vom Kopf herunterschießen, züchten einwandfreie lila Kühe, bringen bald das Wiener Schnitzel aus Schokolade auf den Markt und haben einen Geheimcode entwickelt, den sie Deutsch nennen und den trotzdem kein Deutscher versteht. Während die erstgenannten Sachen den Ruf der Schweiz aufpolieren, gibt es im Land der Eidgenossen immer mehr Probleme mit dem Schwitzerdütsch.
Seite 2

Fajst: „Wir halten an den Traditionen fest"

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Fajst/Veszprémfajsz 330 Menschen, nur sechs Familien gaben damals an, keine deutsche Abstammung zu haben. Nach dem Krieg mußte das kleine Dorf in der Nähe von Wesprim vieles aufgeben, es wurde zwar niemand vertrieben, doch wegen der Assimilation ist sowohl die Sprache als auch das Brauchtum fast in Vergessenheit geraten. Daran wollte die im Jahre 2006 gegründete Deutsche Minderheitenselbstverwaltung etwas ändern und startete mit großem Elan in die vierjährige Legislaturperiode.
Seite 4

Schambek – Heimatmuseum, St. Wendel-Haus

Die unter der Türkenherrschaft verwüstete Ortschaft Schambek wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von der Familie Zichy mit Schwaben aus dem Schwarzwald und mit Franken aus Hessen neu besiedelt. Infolge ihrer fleißigen Arbeit entstand ein wohlhabendes Bauern- und Handwerkerdorf. Bis zur Vertreibung im Jahre 1946 waren 98 Prozent der Einwohner deutsch.
Seite 4

Finissage der Bartl-Ausstellung

Obwohl es in letzter Zeit nach ausländischem Modell auch bei uns überall modisch geworden ist, organisierte der Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUdAK) am 5. Mai zum ersten Mal eine Finissage. Die Ursache dafür lieferte die Ausstellung des Malers Josef Bartl, der VUdAK-Gründungsmitglied ist. Einen allgemeinen Einblick in sein Lebenswerk, vor allem in frühere Schaffensperioden des Künstlers, konnte man im Haus der Ungarndeutschen zwischen dem 25. März und 10. Mai gewinnen, die Werke waren von „Artchivum" zur Verfügung gestellt worden. Die Präsentation kam anläßlich der Verleihung des Lebenswerkpreises zum „Tag der Ungarischen Malerei" im vorigen Jahr durch die Branche zustande (NZ 44/2009). Bei der Ausstellung lag auch das 2000 in deutsch-ungarndeutscher Kooperation herausgegebene umfangreiche Album aus. Darin kann man neben ganzseitigen Reproduktionen theoretische Studien und auch konkrete Daten und Fakten zum Bartl-Werk finden.
Seite 5

„Ja, ös Tuch hun ich von mai testvér"
Kindstücher und Frauengeschichten als spannendes Forschungsthema

Ein außergewöhnlicher Teil der ungarndeutschen Frauentracht, das Kindstuch aus der Umgebung von Mohatsch/Mohács, wird aktuell im Budapester Textilmuseum vorgestellt. Die großformatigen Textilien wurden aus Hanf, Wolle und Baumwolle in einfachen Streifenrhythmen oder in mit vier Webschäften gewebten Mustern hergestellt. Diese wurden seit der Ansiedlungszeit im 18. Jahrhundert auf mittelalterliche Traditionen zurückgreifend von deutschen Webern angefertigt. Das Kindstuch hatte eine doppelte Funktion: eine rituelle und eine alltägliche. Neue Zeitung sprach mit der Kuratorin der Ausstellung, Kunsthistorikerin Anna Szepesi, über die Ausstellung, Verbreitung und Funktion der Kindstücher. Frau Szepesi hielt am 4. Mai im Haus der Ungarndeutschen in Budapest einen Vortrag zum Thema.
Seite 6

Landes-Maiandacht 2010

Bei wunderschönem Frühsommerwetter fand die Landes-Maiandacht 2010 in Budapest statt. Der Vorsitzende des St. Gerhards-Werks Ungarn Dr. Wendelin Hambuch feierte die 19. Maiandacht. Der Gründer der ungarländischen katholischen Laienorganisation erinnerte an die ersten Marienveranstaltungen in der Zisterzienserkirche, als die Ungarndeutschen noch das große Gotteshaus in der Budapester Villányi utca füllten. Hambuch leitete 19 Jahre lang den Verein. Jetzt trat er aus Krankheitsgründen zurück. Er wurde einstimmig zum Ehrenpräsidenten gewählt. Zum neuen Vorsitzenden schlug er Jürgen Pentz vor. Er ist Jahrgang 1963. Sein Vater wurde in Tschasartet/Csátalja geboren. Nach der Vertreibung heiratete er in Baden-Württemberg, in der Nähe von Stuttgart-Hohenheim, eine Deutsche.
Seite 11-12

20jähriges Jubiläum der Wemender GJU
„Die Zukunft liegt in guten Händen"

Zahlreiche GJU-Kinder, die zu dem Nachmittagsprogramm kamen, zeigten, wie prägend für manche die Zeit in der Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher war. Manche verbrachten weit mehr als zehn Jahre als aktive Mitglieder in diesem Verein und trugen dazu bei, daß in Wemend bis heute ein aktives Gemeinschaftsleben der Jugendlichen vorhanden ist, lernten dort Freunde fürs Leben kennen und fanden auch die Liebe in dieser Runde.
Kurz nach der Gründung der Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher wurde in Wemend im Februar 1990, als zweite nach Berkina, eine Ortsgruppe organisiert.
Seite 13

*

Wollen Sie mehr erfahren?

Bestellen Sie die Neue Zeitung!

Bestellmöglichkeiten

Über die Neue-Zeitung-Stiftung
Budapest, Lendvay u. 22 H-1062
E-Mail: neueztg@hu.inter.net
www.neue-zeitung.hu/publikationen

Außerhalb von Budapest:
Auf den Postämtern

In Budapest:
Levél-és Hírlapüzletági Igazgatóság,
Budapesti Hírlap Osztály,
Budapest, 1846
Fax 061 303-3440
E-Mail: hirlapelofizetes@posta.hu
Telefon: 06-80-444-444

Sie finden die Neue Zeitung in Geschäften von Lapker Zrt.

Einzelpreis: 180 Ft

Jahresabonnement:
Ungarn: 7800 Ft
Deutschland: 110 Euro
Österreich: 100 Euro
Schweiz: 170 sfr

Sie können die Neue Zeitung auch als pdf-Datei abonnieren und per E-Mail zugeschickt bekommen.
Kontakt: neueztg@hu.inter.net