Auf der letzten Sitzung der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen wurde Ibolya Englender Hock (Foto) mit Wirkung 1. August zur neuen Direktorin des Valeria Koch Schulzentrums gewählt. NZ befragte sie nach ihren Vorhaben.
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Frau Englender-Hock, was wird sich ändern ab September?
Ich hoffe manches, aber nicht unbedingt vieles. Das ganze Programm der Schule, zweisprachiger Nationalitätenunterricht, bleibt nach wie vor selbstverständlich, am äußeren Profil ändert sich nichts. Ich möchte auch gerne all die begonnenen Projekte, die seit dem Bestehen der Schule da sind, beibehalten, all die Initiativen, die bisher praktiziert worden sind. Wir haben 1990, als wir den Nationalitätenunterricht begonnen, und 1994, als wir das Gymnasium gestartet haben, einen Weg eingeschlagen, auf dem wir unbedingt weitergehen sollten. Als meine Aufgabe sehe ich die Stärkung der Deutschsprachigkeit. Die zweisprachige Sozialisation der Kinder und Schüler soll unbedingt im Mittelpunkt stehen, und innerhalb dieser Zweisprachigkeit müssen wir den Schwerpunkt mehr auf Deutsch legen als bisher. Wir müssen etwas gegen die Machtübernahme des Ungarischen, aber auch des Englischen tun, wir müssen dagegen ankämpfen. Ich habe das Gefühl, daß diese gesunde Zweisprachigkeit, wobei die Schüler gleichmäßig Ungarisch und Deutsch gebraucht haben, sich jetzt ein bißchen von Deutsch wegbewegt, und das möchte ich auf jeden Fall ändern.
Wie sieht das dann in der Praxis aus?
Ich bestehe darauf, und da müssen wir das System der Kontrolle noch ausarbeiten, daß alle Kollegen und auch die Kindergärtnerinnen, die Deutsch sprechen, auch in den Pausensituationen und in den Nachmittagssituationen die deutsche Sprache gebrauchen. Im Unterricht wird ja deutsch gesprochen, aber es soll etwas mehr sein. Deutsch zwischen Schüler und Schüler, das werden wir wohl nicht so schnell erreichen, wenn überhaupt, aber wenigstens zwischen Erwachsenen und Schülern soll das verwirklicht werden.
Gibt es denn Einrichtungen in Ungarn, die das verwirklichen können?
Ich weiß es nicht, aber wenn wir das bewußt machen, dann geht es. Ich kann mich noch daran erinnern, als meine ältere Tochter hier zur Schule gegangen ist, da war es vollkommen normal. Also wenn die Lehrer darauf bestehen, daß die Schüler deutsch antworten, dann kann man sich daran gewöhnen. Dafür habe ich schon aus meinem Erfahrungsbereich positive Beispiele und das muß zurückgeholt werden.
Möchten Sie auch das Fach Volkskunde verstärkt ins Bewußtsein rücken?
Es ist eigentlich noch genauso vorhanden wie früher. Bei uns machen die Schüler auch Abitur in Volkskunde. Was vielleicht noch mehr in den Vordergrund gerückt werden sollte, das sind die Kontakte zu deutschsprachigen Dörfern, das muß in Form von Projekten passieren.
Inwieweit schränkt Sie die neue Bildungspolitik ein?
Finanziell gesehen müssen wir uns auf jeden Fall noch mehr einschränken als früher. Durch die Kürzung der staatlichen Normativen hat auch unsere Einrichtung weniger Geld, beträchtlich weniger Geld, aber das darf die inhaltliche Arbeit nicht beeinträchtigen.
Wird sich der Konkurrenzkampf zwischen den großen ungarndeutschen Bildungseinrichtungen verschärfen?
Der Kontakt zu den anderen Einrichtungen ist sehr gut. Klar, es gibt eine gewisse Konkurrenz, das kann auch zu einer Qualitätsverbesserung führen. Wir Deutschlehrer haben untereinander sehr gute fachliche Kontakte, wir sprechen uns auch regelmäßig ab und arbeiten sehr gut zusammen, und das sollte so bleiben. Wir kämpfen gemeinsam für das Ziel zum Beispiel, daß für die Eltern Deutsch wichtiger wird als Englisch. Unser Fortbestehen ist durch die englische Sprache vielleicht noch mehr gefährdet als durch die ungarische Sprache. Wir müssen noch mehr Strategien ausarbeiten, wie wir gemeinsam vorgehen können.
Als Direktorin haben Sie in Zukunft noch weniger Zeit, um am Unterricht teilzunehmen. Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Der Unterricht selber wird mir sehr fehlen. Als stellvertretende Direktorin hatte ich nur noch sechs Stunden pro Woche, schon das war zu wenig, denn mein Leben ist der Unterricht. Das wird mir garantiert fehlen, aber das versuche ich mal so zu lösen, daß ich ab und zu die fehlenden Kollegen vertrete.
Welches Fach war Ihnen am liebsten?
Deutsche Literatur. Ich werde höchstwahrscheinlich noch Volkskunde unterrichten können, das Fach liebe ich auch sehr, da kann ich den Schülern Erlebnisse vermitteln.
Sie haben sich auch an der Entwicklung neuer Schulbücher beteiligt, wie sieht da die Lage aus?
An einer Volkskundemappe war ich beteiligt. Daneben haben wir Rahmenlehrpläne bzw. Bildungsstandards für das ungarndeutsche Bildungswesen ausgearbeitet. Das ist eine Entwicklung, die europaweit in ist, daß man nämlich nicht konkrete Themen und Inhalte in den Rahmenlehrplänen angibt, sondern Standards, die ein jeder Schüler zu erreichen hat. Wenn diese Standards festgelegt sind, dann ist es eigentlich egal, aus welchen Lehrwerken man arbeitet. Meine Arbeit besteht jetzt darin, das zu koordinieren, ich versuche ein einheitliches System und in erster Linie ein einheitliches Anforderungssystem für die ungarndeutschen Schulen zu finden.
Wie sieht es mit den Schülerzahlen im Valeria Koch Schulzentrum aus? Müssen Schüler abgewiesen werden, oder gibt es noch freie Plätze?
Das ist jahrgangsabhängig. In den künftigen neunten Klassen haben wir etwas weniger Schüler, in den kommenden ersten Klassen mußten wir dagegen Schüler abweisen. Was ich aber sehe, und das tut mir immer weh, daß wir immer weniger Schüler vom Lande bekommen. Eltern und Schüler haben mir gegenüber geäußert, daß die Schüler ungern im Wohnheim leben wollen. Obwohl wir doch ein hypermodernes Kollegium haben. Aber die Eltern wollen die Kinder nicht gerne weglassen. Sie wählen lieber solche Gymnasien, die von ihrem Wohnort tagtäglich zu erreichen sind. Und das ist schade, daß man deshalb auf solche Möglichkeiten, die eine ungarndeutsche zweisprachige Schule bieten kann, verzichtet.
Beobachten Sie in den Jahrgängen, wie viele ungarndeutsche Schüler dabei sind?
Das ist auch unterschiedlich, wenn man die Abstammung betrachtet, haben alle irgendwo einen deutschen Vorfahren. Die Frage ist, wie das in den Familien gehandhabt wird. Wenn man das aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, sind etwa 60 Prozent Ungarndeutsche, aber irgendwelche Bindungen können alle aufweisen. Chr. A.
Aus dem Inhalt
Kretzelfest im Nadascher Schlawaker Grund zum 10. Mal
Ein riesiger Maibaum, stimmungsvolle Musik und leckere Düfte lockten die Gäste des Festes in die Kellerreihe. Die „Alte Kameraden"-Blaskapelle wurde damals zum ersten Grundfest gegründet, und seither ist sie ein fester Bestandteil des Programms. Zu den traditionellen ungarndeutschen Rhythmen tanzten viele Gäste bis in die frühen Morgenstunden. Besonders verlockend für alle Weinliebhaber ist die Verkostung der preisgekrönten Weine des Weinwettbewerbs, doch der Nachmittag barg noch zahlreiche weitere Höhepunkte. Seite 1
Abschied am Deák-Brunnen
Entsprechend den Traditionen der 1827 gegründeten Schülergespanschaft verabschiedeten sich die AbgangsschülerInnen des Evangelischen Lyzeums Berzsenyi Dániel in Ödenburg am Deák-Brunnen. Direktor Balázs Tölli übermittelte die Grußworte von Bischof János Ittzés und verabschiedete die SchülerInnen, unter ihnen die 31 Mädchen und Jungen der zweisprachigen Klasse IV/C. Dr. András Winkler, der vor 50 Jahren die Matura ablegte, hielt eine Rede. Anschließend tranken die SchülerInnen von dem Quellwasser, zogen, nachdem die Abschiedsmelodie Il Silenzio verklungen war, durch die Stadt bis zum Lyzeum, wo sie von ihren Klassenlehrern ins Erwachsenenleben entlassen wurden. Seite 1
Das Dörflein Kup möchte die Traditionen pflegen Die Identität kam allmählich
Im Komitat Wesprim liegt das kleine Dorf Kup mit 460 Einwohnern, welches eigentlich keine ursprünglichen ungarndeutschen Wurzeln aufweisen kann, doch durch die ansiedelnden neuen Bewohner entstand eine Gemeinschaft. Immer öfters entdeckten die neuen Bewohner die gleiche Herkunft, ähnliche Sitten und die deutschen Ahnen in der Familie, und dies trug dazu bei, daß aus den fremden Menschen eine zusammenhaltende Gruppe wurde. Weil sie ihre deutsche Identität auch ferne ihrem Heimatdorf nicht vergessen wollten, entschlossen sie sich 2006, eine Minderheitenselbstverwaltung zu gründen, um der Bestrebung auch eine finanzielle und geregelte Plattform zu geben. Seite 3
Wudigeß – Heimatmuseum
Mit dem Fall der Ofner Burg 1541 geriet auch Wudigeß - wie die ganze Umgebung - unter türkische Besatzung und starb aus. 1659 erwarb Stefan Zichy die ehemals kaiserlichen Ländereien und brachte nach dem Vertreiben der Türken deutsche Siedler in dieses Gebiet. Diese beschäftigten sich vor allem mit Weinbau und fanden für ihre Produkte in Ofen, später in Budapest, Absatzmärkte. In den 1870-er Jahren hat die Phylloxera den größten Teil der Weingärten zerstört, so suchten viele in Budapest Arbeit, die wegen den Millenniums-Bauarbeiten in Hülle und Fülle angeboten wurde. Seite 4
Identität als Modebegriff
Was ist die Identität junger Ungarndeutscher? Diese Frage stellte sich Ágnes Huber in ihrer Dissertation „Identität und Sprachgebrauch junger Ungarndeutscher". Die ersten Ergebnisse ihrer Untersuchungen präsentierte sie am 29. April. Der Schwerpunkt des Vortrages im Budapester Haus der Ungarndeutschen lag bei diesem doch breit gefächerten Thema auf der Identität junger Ungarndeutscher. Klare Definitionen wie Alter, Abstammung, Schulbildung und die Bindung an die ungarische Hauptstadt halfen Ágnes Huber, ihre Forschungen besser zu strukturieren. Von Interesse waren für sie auch die Traditionen, Sprachgebrauch und die Moralvorstellungen sowie die Wertesysteme. Ihre Untersuchungen fanden in den Jahren 2006 bis 2009 statt und beinhalteten eine Fragebogenbefragung, Interviews und Beobachtungen. Insgesamt befragte sie 282 junge Ungarndeutsche. Seite 6
Das Kindstuch bei den Deutschen in der Baranya
„Kindstücher und Frauengeschichten. Das Kindstuch bei den Deutschen in der Baranya" heißt die aktuelle Ausstellung im Budapester Textilmuseum. Das Gebäude des Textilmuseums in Altofen war der Sitz der 1784 gegründeten Firma Goldberger. Bei der Vernissage führte Prof. Dr. Gerhard Seewann (Stiftungsprofessur an der Universität Fünfkirchen) in die Geschichte der Ungarndeutschen ein. Vertreten waren auch die einzelnen Orte der Branau, wo das Kindstuch Verbreitung fand (z. B. Nimmesch, Boschok, Wemend). Einige dieser haben ihre Besitzer - mit Hilfe einer Puppe - auch gezeigt. Das Kulturprogramm zur Vernissage bot das Millich-Duo. Die Ausstellung im Textilmuseum ist bis zum 30. September zu besichtigen (Textilmuseum Budapest III., Lajos u. 138). Seite 6
Ungarn, Deutsche, Ungarndeutsche – Lebenswege, Lebensspuren und die Sprache als Weg zueinander
Unter diesem Motto arbeiten zwei Schulen seit zwei Jahren zusammen. Ein Projekt, das von der Europäischen Union gefördert wird. Das bilaterale Comenius Schulpartnerschaftsprojekt der Karl-Keßler-Realschule in Aalen und der Kossuth-Lajos-Wirtschafts-Fachmittelschule in Totiser Kolonie/Tatabánya nähert sich dem Ende zu. Die 26 Schülerinnen und Schüler haben an einem reichhaltigen Programm teilgenommen: Die Geschichte der Ungarndeutschen im Klassenzimmer und durch Exkursionen in verschiedene ungarndeutsche Gemeinden und Institutionen kennengelernt. Sie haben mit Zeitzeugen in Ungarn und in Deutschland Interviews geführt, Ulmer Schachteln gebastelt, ihre Erlebnisse rund um die Vertreibung dokumentiert. Anhand der Interviews und des gesammelten Materials ist eine Ausstellung entstanden, die die ungarndeutsche Vergangenheit und Gegenwart symbolisch darstellt. Seite 12 * Wollen Sie mehr erfahren?
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