Wuderscher Passion
Ein volkstheatralisches Wunder auf dem Schoße der Natur
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19. Juni 2009
Der Steinberg zu Wudersch/Budaörs bot eine bezaubernde Naturkulisse für die diesjährigen Passionsspiele. Mit mehr als zwei Dutzend Profischauspielern und weit über hundert Statisten - darunter zahlreiche Kinder - wurden vom 1. bis 14. Juni von den Regisseuren András Dér und András Frigyesi Leben und Leiden Christi auf die naturgegebene Bühne der Kleinstadt Wudersch/Budaörs gebracht.

Foto: Lantos István

„Das Thema der Passion darzustellen ist nicht nur eine simple Regieaufgabe. Es ist auch eine Geistesübung für mich, denn ich muß die innere Wahrheit, die menschlichen Motivationen des Handelns und der Entscheidungen eines jeden einzelnen Darstellers immer wieder aufs Neue erleben", heißt es im Grußwort von András Dér im Passionsführer, in dem neben der Schauspielergarde sogar der ganze Text der Wuderscher Passion deutsch und ungarisch nachzulesen ist.

Die Wurzeln der Wuderscher Passion gehen auf die selbstlose Arbeit des Wuderscher Lehrers Géza Bató zurück, von 1933 bis 1939 wurde jeden Sommer auf der Freilichtbühne auf dem Steinberg die Wuderscher Passion aufgeführt. Das mit fast 250 Laienspielern aufgeführte Stück sorgte dafür, daß Wudersch in der internationalen Presse als „ungarisches Oberammergau" bezeichnet wurde. Die aus historischen Gründen unterbrochene Tradition wurde 1996 mit Unterstützung des Verbandes Europassion neu belebt - wegen dem fehlenden Originaltext wurde damals die Csíksomlyóer Passion auf dem Steinberg aufgeführt. 2003 und 2006 wurde schon der Originaltext der Wuderscher Passion eingesetzt.
„Die Passion, die Leidensgeschichte von Jesu, zeigt allgemeingültige Lebenswahrheiten für jedermann. Wir werden damit konfrontiert, daß wir selber für unsere Taten verantwortlich sind, auch dann, wenn wir auf irgendeine Weise durch die Umstände oder äußere Einwirkungen beeinflußt, verleitet werden. (...) Die Passion ermahnt: wir müssen umsichtig sein, denn oft will man uns die Lügen als Wahrheiten auftischen. (...) Für die Christen bedeutet die Leidensgeschichte und das Auferstehen Jesus den Mittelpunkt ihres Glaubens, Hoffnung und Freude", schreibt der Sohn des Autors Dr. András Bató.
Im Wuderscher Passionsspiel ist die erste Szene die Taufe Jesu, jedoch werden auch der Kindermord in Bethlehem und die Geburt Jesus angesprochen. Der Handlung ist ein Prolog vorangestellt: Bató probt, und genauso wie zur Zeit der Wirtschaftskrise 1929 ist dieses Vorspiel sehr angebracht und aktuell:
1. Mann: „Wir vergnügen uns hier, währenddessen unsere Arbeitsstellen gekündigt werden."
Bató: „Dann hast also Zeit für das Passionsspiel."
Regisseur András Frigyesi erklärte NZ gegenüber, daß diese Szene ein Teil der dramaturgischen Arbeit darstellt und von den beiden Regisseuren geschrieben wurde. Diese Szene hat Signalcharakter und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wirtschaftskrise und damit verbunden auf die moralische Krise, die Frigyesi als viel schwerer einstuft: „Ich denke, wir müssen was tun gegen die moralische Krise, und das Passionsspiel ist sehr symbolisch dafür."
Drei deutschsprachige und sieben ungarischsprachige Vorstellungen standen im Plan: bei der deutschen Vorstellung am 6. Juni sah es vor Beginn noch nach Regen aus, jedoch konnte die Passion aufgeführt werden. Ein wahres Wunder ist die monumentale Naturkulisse, die Menschenmenge erzielt bei den Massenszenen einen grenzenlosen Effekt der Wahrheitstreue. Nicht zu sprechen von dem wunderbar konstruierten Textbuch, das die Vorstellung nicht langweilig werden läßt.
Die Einfälle der Regisseure verleihen durchgehende Symbolik: Die Versuchung durch den Teufel wird durch eine Frauengestalt in rotem, wallenden Chiffon dargestellt. Eine vor allem dank hervorragender Lichttechnik unvergeßliche Szene war die des letzten Abendmahls, bei der das Publikum eben wegen der außergewöhnlichen Effekte, nämlich daß Jesu und seine Jünger an einem imaginären, durch Lichttechnik hergestellten langen Tisch sitzen, durch leises Raunen des Beifalls seine Bewunderung ausdrückte. Ferenc Kovács in der Rolle von Jesus war wirklich die beste Wahl, sein Spiel war sehr bestimmend für das ganze Stück, vor den Augen des Publikums entwickelte sich eine glaubhafte Sohn-Gottes-Figur. Eine andere Leitfigur des Passionsspiels war Judas, am 6. Juni wegen des Fehlens der Erstbesetzung in der Person von Péter Nagy (er spielte bei POSZT in Fünfkirchen gerade Hamlet) verkörpert von Bálint Merán, der sehr aussagekräftig die seelischen Zustände von Judas vermitteln konnte. Merán spielte jedoch bei den anderen Vorstellungen Nikodemus, für ihn wäre András Frigyesi eingesprungen, wegen der plötzlichen Erkrankung von Herodes' Darsteller hat jedoch eine Ortskraft die Rolle des Nikodemus übernommen, so konnte das Publikum am 6. Juni den einen Regisseur als Herodes erleben.
Hervorragende Leistungen brachten auch Dániel Solymár in der Rolle von Johannes dem Täufer und Dizmas, dem rechten Übeltäter am Kreuz, Bálint Walter als Teufel und Händler, Klára Karsai in der Rolle von Maria. Bemängeln konnte man bei einigen Darstellern Sprachbeherrschung, jedoch hatten die Schlüsselrollen alle mit hervorragender Aussprache gemeistert. Frigyesi meinte: „Ich hoffe, daß ich 2012 auch Regie führen darf, ich weiß schon jetzt, was ich an der Regie ändern möchte, die dramaturgische Konstellation, die Szenen sind zu den Vorjahren stärker geworden, es gibt eine Entwicklung. Diese Tradition sollte bewahrt werden und immer aktuell gestaltet sein, schließlich ist Theater kein Museum." Die Plakate und das Werbematerial sind jedoch durchgehend ähnlich gestaltet, damit sie einen Wiedererkennungseffekt haben. Ein Lob gilt auch der Wuderscher Deutschen Selbstverwaltung und Emmerich Ritter wegen der Schaffung der Voraussetzungen für die künstlerische Arbeit und die Übernahme der Produzentenrolle. Dem Passionsspiel am 6. Juni wohnte auch einer der Hauptschirmherren Dr. Georg von Habsburg bei.
Die nächsten Passionsspiele in Wudersch finden im Jahre 2012 statt. 2010 können die Spiele im bayerischen Oberammergau besucht werden.

angie


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