Seit dem 1. Januar hat der deutsche Klassenzug am Leôwey-Gymnasium in Fünfkirchen in der Person von Agnes Hertrich eine neue Leiterin. Frau Hertrich war selbst Schülerin des Gymnasiums und studierte in Szegedin Germanistik und Ungarisch. Am Klassenzug lernen 260 Schüler, allein dieses Jahr gab es 66 neue Anmeldungen. Der deutsche Klassenzug gehört zu den traditionsreichsten ungarndeutschen Einrichtungen. NZ sprach mit der neuen Leiterin des Klassenzuges.
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NZ: Frau Hertrich, mit welchen Vorsätzen übernimmt man die Leitung des deutschen Klassenzuges am Leôwey-Gymnasium?
AH: Es ist ein sehr weites Feld, so eine Arbeit zu übernehmen, aber wenn man schon seit Jahren hier als Lehrerin tätig ist, dann kennt man eigentlich die Aufgabenbereiche. Das Wichtigste für mich ist, daß ich mit den Kollegen gut zusammenarbeiten kann, daß sie mich als Kollegin betrachten.
NZ: Sie haben das Leôwey-Gymnasium besucht und arbeiten seit 2000 an der Schule. Der Kontakt ging demnach nie verloren.
AH: Den Kontakt habe ich nie verloren. Ich glaube, daß unsere damalige Klasse eine gute Gemeinschaft war, wir sind auch seitdem miteinander in Verbindung. Ich glaube, wenn man eine Schule mit guten Erlebnissen verläßt, dann zieht es einen immer wieder zurück.
NZ: Ist es leichter, den Klassenzug zu leiten, wenn man selbst Schülerin hier war, oder ist es eine zusätzliche Hürde, die man nehmen muß?
AH: Es ist auf jeden Fall leichter, denn man kennt die Probleme der Schüler. Es ist wichtig zu wissen, wofür sie sich interessieren, was für sie schwierig ist und wobei man sie unterstützen sollte.
NZ: Der Klassenzug ist auch eine sehr traditionsreiche Einrichtung. Hat man auch dies ständig im Auge?
AH: Man denkt immer daran, daß man Vorgänger hat, denen man es gleich tun müßte, oder zumindest etwas Ähnliches bieten, was sie gemacht haben. Das ist aber schwer, denn sowohl Ida Husznai als auch die anderen haben den Klassenzug Jahrzehnte lang sehr erfolgreich geleitet. Geändert haben sich aber die Erwartungen an uns. Die Schüler sind viel zielstrebiger, auch die Eltern haben ganz konkrete Vorstellungen, was sie von uns erwarten. Dadurch, daß wir nun zur EU gehören, gibt es neue Möglichkeiten, auch neue Sprachprüfungen, die es damals noch nicht gab. Dabei wird die Traditionspflege immer schwieriger, es ist ein vielleicht immer kleiner werdender Bereich, aber ein sehr wichtiger. Für uns ist wichtig, immer noch Kontakt zu den Dörfern zu haben, und wir hoffen immer auf Schüler, die aus ungarndeutschen Familien kommen, damit wir diese Tradition weiterführen können. Aber da sich die Welt verändert hat, wird auch die Vorbereitung auf andere Berufe sehr wichtig, wo die Sprache nur noch das Mittel ist. Aus unserer Klasse sind sehr viele Deutschlehrer geworden. Heute wählen unsere Schüler eher andere Berufe, sie werden Ökonomen, Ingenieure, Juristen oder gar Politiker.
NZ: Werden die Schüler noch vom Nationalitätenhintergrund motiviert oder von der Qualität des Unterrichtes, im Leôwey zu lernen?
AH: Die Qualität des Unterrichts spielt eine sehr große Rolle. Ich glaube, daß die Sprache das Mittel zum Zweck ist. Das sehen die meisten so. In letzter Zeit merken wir aber, daß es immer mehr Leute gibt, für die auch die Identität sehr wichtig ist, sei es die Sprache, die Abstammung oder nur der Klang ihres Namens. Oft findet man in unserer Schule zur Sprache der Großeltern zurück.
NZ: Wie kann man Nationalitätenunterricht 2009 noch definieren?
AH: Viele denken, wir würden hier ein bißchen tanzen und singen. Dies ist aber nicht so. Er beinhaltet die Geschichte dieser Nationalität - angefangen bei Stephan dem Heiligen -, und nicht nur ab dem 18. Jahrhundert. Er beinhaltet auch das durchgehende Kennenlernen der Sprache und der Mundarten, der Volkstrachten und der Bräuche. Meistens bringen das die Schüler nicht mehr von zu Hause mit, und dann sieht man die offenen Augen, wie neugierig sie darauf sind, wie es früher wirklich war. Da die Welt heute vollkommen anders ist, ist es auch wie eine Märchenstunde für sie, und ich glaube, daß sie es sehr genießen.
NZ: Wo sehen Sie die Stellung unter den zweisprachigen Gymnasien im ungarndeutschen Bereich?
AH: Ich bin sehr froh darüber, daß diese Gymnasien miteinander sehr gut zusammenarbeiten. Wir tauschen uns täglich aus, und ich denke, daß unser Ziel ein gemeinsames ist und so auch die Mittel. Ich bin davon überzeugt, daß wir alle nur dann weiterbestehen können, wenn diese Schulen nicht gegeneinander sind, sondern miteinander und füreinander tätig sind. Die Größe unserer Schule mag zwar manchen als Nachteil vorkommen, aber meines Erachtens ist es ein Vorteil. Eben dadurch, daß wir so viele Schüler in einem Jahrgang haben, können auch Fächer wie Mathematik, Physik oder Biologie in einem Leistungskurs angeboten werden. Dadurch finden auch Schüler, die die Sprache nur als Mittel betrachten, ihren Weg.
NZ: Welche Entwicklungschancen hat der Klassenzug in den nächsten Jahren?
AH: Wichtig ist, noch weitere Beziehungen auszubauen, damit die Schüler noch mehr Möglichkeiten zu ihrer Entfaltung erhalten, wie etwa im Comenius-Programm. Sei es im Musik- oder gar im Informatikbereich. Gerade im Comenius-Programm, an dem immer mehrere Länder beteiligt sind, ergibt sich die Möglichkeit, die Welt aus anderen Blickwinkeln kennenzulernen.
NZ: Frau Hertrich, vielen Dank für das Gespräch!
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