Doppelte Heimat Drucken
19. Dezember 2008
Zu den 50 000 Ungarndeutschen, die 1947/48 nach Sachsen verfrachtet wurden, gehört auch der namhafte Wissenschaftler Professor Dr. Heinrich Oppermann. Sein Lebensweg, der in Sektschi, in der Nähe von Dumbowa, begann, führte ihn unfreiwillig nach Dresden. Hier ist seine Geschichte.

Familie Oppermann

Die Alten erzählen gern davon, wie ruhig und gediegen es doch einst in den schwäbischen Dörfern zuging. Wurde ein Kind geboren, war sein Lebensweg vorgezeichnet: Es wuchs auf, heiratete, bekam selbst Kinder und übernahm von den Eltern schließlich den Hof. So wäre es wohl auch Heinrich Oppermann ergangen, geboren 1934 in Sektschi/Kaposszekcsô bei Dumbowa/Dombóvár, auf einem Bauernhof. Natürlich mußte auch er auf den Feldern und im Stall helfen, aber er genoß die Kinderzeit in vollen Zügen. Im Sommer badete er von morgens bis abends im Kanal, im Herbst schlich er mit seinen Brüdern und Freunden durch die „Wingerts" ringsum und naschte Trauben. Alles ist unvergessen. Diese glückliche Kindheit im Heimatdorf endete mit einem Donnerschlag: Am 11. Mai 1948 mußte seine Familie sich an einem Sammelpunkt im Dorf einfinden. Sie waren schon vor über einem Jahr von ihrem Hof gejagt worden, sie lebten zunächst in einem baufälligen Verschlag, dann im eigenen Preßhaus, in den Weinbergen. Als ihnen auch das verboten wurde, kamen sie im Preßhaus eines Ungarn unter.
Doch immerhin waren sie noch zu Hause, in ihrer vertrauten Umgebung. Sie wollten niemals weg aus der Heimat. Doch dann erschall über den Lautsprecher die Stimme des Kleintrommlers. Sie hätten sich unverzüglich zur Abfahrt aus Sektschi bereit zu halten. Mitbringen durften sie pro Person 40 Kilo an Gepäck. Dann wurden sie nach Deutschland verfrachtet. Drei Tage später kamen sie in Pirna bei Dresden an, wurden in der Roten Kaserne am Stadtrand eingewiesen.
Dort blieben sie etwa zwei Wochen. Als Glück im Unglück erwies sich, daß Heinrichs Vater 1943 als ungarischer Soldat schwer verwundet worden war. So war er für den Uranbergbau untauglich, in den die meisten anderen vertriebenen Ungarndeutschen weitergeleitet wurden.
Für Familie Oppermann ging es weiter nach Bautzen. Sie erhielten eine kleine bescheidene Wohnung. "Die Eltern mußten in einer Strohschuhfabrik arbeiten; ja, die Schuhe wurden aus Stroh gefertigt, denn Leder gab es nicht."
Die Kinder, also auch der 14jährige Heinrich kamen in eine örtliche Schule. „Für uns war das ein Kulturschock", erinnert sich Heinrich Oppermann. Alles war ja ganz anders als bei ihnen daheim in der Schwäbischen Türkei: die Sprache, die Sitten und Gebräuche, das Essen, die Getränke, die Art zu leben. Manche in Bautzen und in der Nähe der Stadt waren auch keine 100prozentigen Deutsche, sondern Sorben, mit slawischer Sprache und Kultur. „Aber ohne diesen heftigen, erzwungenen Bruch in unserem Lebenslauf wären wir auch nicht zu dem geworden, was wir heute sind, sage ich oft meinen Kindern und Enkeln", fügt der alte Herr mit dem schlohweißen Haarkranz hinzu. Und er hat es tatsächlich, ausgelöst durch die Vertreibung, durchaus zu etwas gebracht: Heinrich Oppermann machte als Wissenschaftler Karriere, studierte Chemie an der Technischen Hochschule Dresden, wurde dann Laborleiter, später auch Abteilungsleiter, am damaligen Zentralinstitut für Festkörperphysik und Werkstoff-Forschung der Akademie für Wissenschaften und übernahm 1984 schließlich den Lehrstuhl für Anorganische Chemie an der Technischen Universität Dresden. Inzwischen ist er aber schon seit über zehn Jahren im Ruhestand.
Professor em. Dr. Dr. hc. Heinrich Oppermann lebt mit seiner Frau in einer bescheidenen, aber gediegen eingerichteten Mietwohnung in der Nähe des Dresdner Hauptbahnhofs. Er hat vier Kinder und acht Enkel. Seit seiner Emeritierung beschäftigt er sich leidenschaftlich mit der Erforschung seiner Abstammung. Zu seinem 70. Geburtstag machten ihm seine Enkel ein bemerkenswertes Geschenk: Sie mieteten einen Kleinbus an und begleiteten ihren Opa und ihre Oma zu einem Ungarnbesuch. Das war eine fröhliche Fahrt. Es wurde viel gescherzt, gelacht, gesungen. Die lange Reisezeit verging, wie ein kleiner Videofilm, den sie drehten, wie im Fluge.
Sektschi war dabei das wichtigste Etappenziel. Heinrich Oppermann badete in einer Welle der schönsten Erinnerungen, zumal er am Ort und in der Nachbarschaft zahlreiche Freunde und Bekannte von einst traf. Und der Wein, stellte er befriedigend fest, sei immer noch so gut wie früher. Seine Enkel freuten sich über das gelungene Geburtstagsgeschenk. Sie sahen, wie gut es ihrem Großvater tat. Aber sie selbst? Wie erging es ihnen in seiner alten Heimat? Sie sind doch deutsche Großstadtkinder, ihre Heimat ist Dresden. Ganz anders aufgewachsen als in einem Schwabendorf.
„Ich glaube, daß die Reise auch ihnen einiges an schönen Eindrücken geschenkt hat", sagt Professor Oppermann rückblickend. „Aber natürlich blieb ihnen dort, in meinem ehemaligen Heimatort vieles fremd. Sie genossen Ungarn als Ferienidylle, wie es deutsche Touristen allgemein tun. Aber die Dörfer in der Schwäbischen Türkei kamen ihnen doch ziemlich armselig und eng vor. Was sich in meinem Gemüt damit verbindet, fehlt bei ihnen naturgemäß. Aber sie respektieren meine Geschichte. Und das ist wohl das Wichtigste." Ihnen widmete Heinrich Oppermann seinen Band mit Erinnerungen und Geschichten „Die Enkel der Donauschwaben. Geschichten aus zwei Heimaten" (NZ 9/2008), von denen mehrere in der „Neue Zeitung" und in „Unsere Post" veröffentlicht wurden.
Überall auf der Welt wandern Menschen in andere Länder und Gegenden aus. Sie suchen und finden in der Fremde eine neue Heimat. Das war früher schon so, wenn Handwerksburschen und Künstler sich auf den Weg machten. Und so ist es auch heute noch. Allein aus Deutschland wandern im Jahr über 100 000 Menschen nach Australien, Kanada, in die Schweiz, nach Skandinavien aus, um dort ihr Glück zu suchen. Und auch die Vorfahren der Ungarndeutschen kamen ja einst ins ihnen noch unbekannte Ungarn. So gesehen ist es nichts Ungewöhnliches, wenn Menschen in die Fremde gehen.
„Doch das, was mit uns geschah, war leider von einer anderen, unmenschlichen Art", sagt Professor Oppermann abschließend. „Uns hat man das Eigentum der Familie in der geliebten Heimat genommen und zum Weggehen gezwungen. Das kann ich nicht verwinden, auch wenn mein Lebensweg dadurch eine Wendung bekam, mit der ich heute zufrieden sein kann."

Volker Petzold