30 Jahre Fernsehsendungen für die Minderheiten Drucken
17. Oktober 2008
Die Rolle der Fernsehsendungen für die Minderheiten in der Bewahrung der Werte dieser Gemeinschaften würdigte Parlamentspräsidentin Katalin Szili beim Festempfang im Wunderlich-Keller von Willand am vergangenen Donnerstag. Am 16. August 1978 wurde die erste Fernsehsendung in deutscher und kroatisch-serbischer Sprache aus dem Regionalstudio Fünfkirchen gesendet. Unser Bildschirm hat seitdem in wöchentlich 26 Minuten einen festen Platz in der ungarländischen Fernsehlandschaft. Als „eine gern übernommene kulturelle Mission" bezeichnete Fernsehvizepräsident Ádám Medveczky die Minderheitensendungen, die nun für alle 13 Minderheiten in der Muttersprache wöchentlich oder monatlich ausgestrahlt werden. Medveczky übergab Niveaupreise an verdiente MitarbeiterInnen. UB-Redakteurin Martha Stangl und die Leiterin der Minderheitenchefredaktion Judit Klein erhielten den Niveaupreis. Die Arbeit von Unser Bildschirm ist zukunftsweisend und spiele eine wesentliche Rolle beim Aufbau des großen gemeinsamen europäischen Hauses, meinte der deutsche Botschaftsrat Klaus Bönnemann in seinem Grußwort.

UB-Redakteurin Martha Stangl wurde der Niveaupreis vom
MTV-Vizepräsidenten Ádám Medveczky überreicht

Gespräch mit der Redaktionsleiterin der Minderheitensendungen, Judit Klein

NZ: Frau Klein, wurde jetzt die Vergangenheit oder die Zukunft der Minderheitensendungen gefeiert?

JK: Die Zukunft darf man nie aus den Augen verlieren, sie bringt für uns noch eine Menge neuer Herausforderungen. Aber es war doch auch eine Feier, mit der wir das gebührend würdigen wollten, was die Macher dieser Sendungen in der Vergangenheit für den Fortbestand dieser Programme geleistet haben.

NZ: Sind diese Programme jetzt auf dem richtigen Platz?

JK: Früher wurden die Sendungen um 12.30 Uhr herum ausgestrahlt, ein ziemlich ungünstiger Zeitpunkt für alle, die noch in der Schule oder auf ihrem Arbeitsplatz waren. Zwischen drei und vier Uhr am Nachmittag können wir doch davon ausgehen, daß sie mehr Leute erreichen.

NZ: Werden diese Sendungen so gezielt geschaut?

JK: Wir können davon ausgehen, daß sie teilweise so gezielt geschaut werden, andererseits können die Sendungen jederzeit im Internet abgerufen werden. Fernsehen ist aber auch ein Hintergrundmedium, obwohl dies bei Minderheitensendungen eher selten der Fall ist. Unsere Zuschauer sind aktiv dabei, und wenn sie dabei sind, bleiben sie auch bis zum Ende dran. Die Quoten belegen übrigens, daß diese Sendungen dem Fernsehen genauso viel bringen wie die ungarischsprachigen Sendungen zu dieser Ausstrahlungszeit, und MTV erreicht prozentual gesehen mit diesen Programmen einen Anteil an aktiven Zuschauern wie abends die Tagesschau.

NZ: Weiß man, wie viele die Sprachen verstehen und wie viele die Untertitel lesen?

JK: Das weiß man nicht, aber die Erhebungen zeigen, daß Programme, die in Ungarisch laufen, von etwas mehr Zuschauern gesehen werden als Sendungen in der Muttersprache mit Untertiteln. Eindeutig ist, daß die Sendungen manch kleiner Minderheiten mehr Zuschauer haben als die Anzahl der als Angehörige dieser Minderheit erfaßten Personen.

NZ: Welchen Stellenwert haben diese Sendungen im Gefüge von MTV?

JK: Soweit wie die wichtigsten Sendungen, etwa die Tagesschau, sind wir nicht. Sonst entsprechen die personellen und materiellen Voraussetzungen dem allgemeinen Stand bei MTV. Auch was die Gehälter der Mitarbeiter betrifft, können wir dies behaupten. Probleme ergeben sich nur, wenn wir bestimmte Themen auch in anderen Sendungen des Fernsehens durchsetzen wollen. Kaum zu erreichen ist, daß etwa eine große Feier der Ungarndeutschen auch in der Tagesschau kommt. Solche Themen können nicht einmal „durchgedrückt" werden, wichtig sind dann personelle Kontakte zu den Machern der Sendungen.

NZ: Spürt man auch das - sagen wir es mal so - Interesse der Minderheitenvertretungen an den Sendungen?

JK: Natürlich. Und man kann gut zusammenarbeiten.

NZ: Spürt man dieses Interesse nur in den Minderheitenredaktionen oder auch im Gesamtfernsehen?

JK: In erster Linie spürt man das in den Minderheitenredaktionen. Es ist sonst schwer für diese Organisationen, mit Druck durchzukommen.

NZ: Wie gut ist der Kontakt zu den Minderheitenvertretungen?

JK: Jeder versteht unsere Grenzen, vor allem die stark limitierte Sendezeit. 26 Minuten pro Woche, das grenzt wirklich sehr ein.

NZ: Wie steht es mit einem internationalen Vergleich? Würde MTV dabei gut abschneiden?

JK: Im Osten hat Ungarn eine ziemlich gute Stellung, im Westen macht man es viel moderner. Dort versucht man, Minderheitenthemen in andere Sendungen zu integrieren. BBC hat sehr schöne Beispiele dafür. Auch die Kanäle, die in den westeuropäischen Ländern zu diesem Zweck benutzt werden, sind moderne, vielgesehene Anstalten. Im Direktvergleich etwa mit Rumänien ließe sich sagen, daß die Minderheiten dort mehr Sendezeit und einen besseren Ausstrahlungstermin haben. Allerdings sind auch die Voraussetzungen besser, drei vollwertige Kanäle, was nicht so einengt. Ein Problem ist, daß in den anderen Sendungen fast keine Minderheitenthemen vorkommen.

NZ: Wo liegen die Herausforderungen der nahen Zukunft?

JK: Unsere Redaktionen müssen bald aus dem Zentralgebäude in die neue Zentrale umziehen. Das bedeutet aber auch, daß die Redakteure neue technische Herausforderungen meistern müssen. Sie müssen alleine „vorschneiden", also technisch ziemlich stark vorarbeiten am gedrehten Material. Eine neue Technologie muß also erlernt werden.

NZ: Wenn alles so läuft, braucht man dann noch die Redaktionen mit Sitz in Fünfkirchen und Szegedin?

JK: Über Fünfkirchen und Szegedin wissen wir nicht viel, nur daß die Regionalstudios erst später auf die neue Technologie umgestellt werden. Der westeuropäische Trend ist übrigens hin zu den Videojournalisten, die selbst filmen, fragen und schneiden. Sie können natürlich keine Dokumentarfilme machen oder Großveranstaltungen bearbeiten, wohl aber kleinere Beiträge von zwei Minuten.

NZ: Ist das eine theoretische Abhandlung oder die letzte Stufe zur Praxis?

JK: In Budapest ist es schon der Fall. Wir machen allerdings nicht solche Formate, also es wird immer Leute geben, die mit den Redakteuren arbeiten. Im November beginnt bereits ein Kurs, in dem zwölf unserer Mitarbeiter mit der neuen Technik vertraut gemacht werden.

NZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

JK: Daß wir den Übergang problemlos schaffen und daß diese Redaktionen mindestens nochmal dreißig Jahre lang so bestehen bleiben.

NZ: Frau Klein, danke für das Gespräch!


Judit Klein erhielt beim Festempfang in Willand den Niveaupreis des Fernsehens