Ödenburger Familien im Porträt - Die Mühls Drucken
8. August 2008

Es war ein heißer Sommertag. Ich dachte mir, ich bräuchte eine Abkühlung und fuhr in eines der Bäder in Ödenburg/Sopron, namens Teichmühle/Tómalom. Während ich am Ufer die Seele baumeln ließ, hörte ich, wie neben mir ein junges Paar rätselte, woher dieser Name stammen mag. Da ich es auch nicht wußte, beschloß ich, der Sache nachzugehen und besuchte Konrad Mühl, denn er kann auf alle Fragen, die die Stadtgeschichte betrifft, eine Antwort geben. Ich war bei jemandem gelandet, der sich wirklich auskannte, denn die Teichmühle und die Geschichte der Familie Mühl hängen eng zusammen.



Teichmühle und die Geschichte der Familie Mühl hängen eng zusammen.

Die "Große Teichmühle" gibt es schon seit 1553, sie hatte der Stadt gehört. Diese verpachtete sie und verkaufte sie später an Privatpersonen. In Ödenburg standen im 18. Jahrhundert überall, wo es nur Wasser gab, Mühlen, nämlich insgesamt 17 Wassermühlen, zusätzlich drei Dampfmühlen und fünf Windmühlen. Eine der Mühlen stand an dem genannten Teich und funktionierte mal als Getreide-, mal als Filzmühle, je nachdem, ob sie von Müllern oder von Tuchmachern gepachtet wurde.

Die Familie Mühl war eine der Müllerdynastien der Stadt, sie besaß zeitweise gleichzeitig vier Mühlen. Die Mühle und der Teich kamen Anfang des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Familie, die damals schon die sogenannte Waldmühle betrieb. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß die Müllermeister Töchter von Bäckern heirateten, denn die Müller durften ihr eigenes Mehl und Brot auch verkaufen. Es war praktisch, wenn man durch die Heirat auch gleich zu einer Mehlstube kam.

Der Urgroßvater, der ebenfalls Konrad Mühl hieß, brach mit dieser Tradition und ehelichte eine reiche Ponzichtertochter, Susanne Wurm. Durch diese Heirat verbesserte sich die finanzielle Lage des Müllersohnes, denn die Braut brachte 22 Acker und 12 Weingärten als Mitgift in die Ehe ein.

Ein Müller hätte sich allein vom Ertrag einer Mühle eine solche nie kaufen können, deshalb war es üblich, Kredite aufzunehmen. Da es damals noch keine Banken gab, war es entweder die Waisenkasse oder eine Privatperson, meist ein reicher Unternehmer, der jemandem ein Darlehen gewährte. Im Falle der Familie Mühl war der Kreditgeber der Bauunternehmer Samuel Boor, so konnten der Teich und die Mühle erworben werden.

1842 bat Konrad Mühl den Stadtrat um eine Genehmigung, neben der Mühle eine "kleine Baden Anstallt" errichten zu dürfen. Nachdem das Wasser klar, 1,42 m tief war und durch Quellen, die im Teich entsprangen, genährt wurde, erteilte man die Genehmigung. So hatte die Familie ein zweites Standbein und die Badegäste hatten ihre Freude, denn Konrad Mühl ließ auch Umkleidekabinen um den Schwimmteich bauen. Die Familie hatte aber große Schulden auf sich geladen und konnte nur die Wucherzinsen tilgen, so mußte sie die Mühle an die Tuchmacherzunft verkaufen. Ab dann existierte die Mühle nur mehr als Filz- und Walzmühle.

Der Großvater meines Erzählers, Gustav Mühl, lebte in Preßburg, wo er ein Gasthaus bewirtschaftete, das zwischen zwei Kirchen bzw. Klöstern stand. Der Erzählung nach hatte er nicht nur gutbürgerliche Gäste, sondern auch Geistliche, die keine Mühe scheuten, mit Hilfe einer Leiter über die Mauer zu klettern, um ein bis zwei Gläschen Wein zu trinken. Gustav Mühl heiratete eine Frau aus Güns und beide übersiedelten bald nach Ödenburg.

Sein Enkelkind, Konrad Mühl wurde 1918 geboren. Er besuchte in Ödenburg das Evangelische Lyzeum, wo er in der ersten Volksschulklasse nur Deutsch schreiben und lesen lernte, erst ab der zweiten Klasse war der Unterricht zweisprachig. Die Lehrer waren gut und geduldig, und das bei einer Klassengröße von 60 - 70 Schülern.

Nachdem seine Mutter früh gestorben war, mußte auch er im Lebensmittelgeschäft der Familie mithelfen. Die Familie war nicht reich, aber die fünf Kinder hatten viel Spaß. Unter anderem gingen sie fast jeden Tag auf die Teichmühle, wo sie beim Schwimmen auch die Zigeunermusik aus dem Restaurant hörten.

Ein Onkel meines Erzählers, Nándor Mühl, war Bäckermeister. Er hatte sechs Kinder, zwei von ihnen wurden berühmt. Gustav Mühl/Mende war mein Zeichenlehrer und Alfred/Aladár Mühls Gemälde schmücken in der Stadt die Zimmer zahlreicher Wohnungen.

Die Tochter Hermine war zwar keine Künstlerin, aber sie war die Ehefrau eines der bekanntesten ungarischen Malers im 20. Jahrhundert, József Horváth-Soproni, des Munkácsy-Preisträgers, dessen Bilder in Ödenburg anzuschauen niemand versäumen sollte. Sie befinden sich in der nach ihm benannten Ödenburger Gemäldegalerie.

Konrad Mühl wurde 1946 vertrieben, denn bei der Volkszählung hatte er als Muttersprache Deutsch angegeben. Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland floh er nach Kärnten in Österreich, das damals englische Besatzungszone war. 1948 übernahm England 200 000 Flüchtlinge, darunter war auch er.

Geheiratet hat er eine Ödenburger Wirtschaftsbürgerin, die nach Heidelberg vertrieben wurde. Er nahm mit ihr von England aus Kontakt auf, holte und heiratete sie. Er verbrachte 51 Jahre in der Ferne. Nach der Wende zog ihn sein Herz in die Heimat zurück.

Die Teichmühle ist seit 1920 eine Ferienregion, wo in den 30er Jahren auch ein Strandhotel mit 200 Kabinen gebaut wurde. Die Kabinen, die auf Pfählen im Wasser standen, umgaben das Schwimmbecken im Teich. 1945 brannten sowohl die Mühle als auch das Hotel ab, aber der Badesee ist nach wie vor ein beliebtes Schwimmbad der Ödenburger.

Judit Bertalan